Startseite POP FRONTAL

Gesehen! Rock of Ages Festival / 22. - 23.07.2008, Rottenburg-Seebronn

Wie der Wind die Wollust bringt

Text: Carlo G. Reßler      Live-Fotos: Sati (www.satipics.de)

Zum Vergrößern der Fotos bitte auf die Bilder klicken!

 

Seit vielen Jahren schon gibt es südlich des Neckars das bei Hardrock- und Metalfans beliebte Bang Your Head Festival. Vom gleichen Team wurde nun vor zwei Jahren ein weiteres Festival ins Leben gerufen. Das Rock of Ages Festival bedient unter dem Motto "Just Pure Rock!" hauptsächlich Anhänger von traditioneller, melodischer Rockmusik. POP FRONTAL war bei der dritten Auflage vor Ort...

In Extremo

In Extremo

Gleich zu Beginn hält die Festivalorganisation für den, der anderes gewohnt ist, einige Überraschungen bereit. Denn die Security am Einlass im kleinen Dörfchen Seebronn liebt Vollbeschäftigung: bei jedem Weg vom Campingplatz zum Innenraum erwarten die Besucher genaue Taschenkontrollen plus Leibesvisitation - und sogar ein Blick unter den Sonnenschutz auf dem Kopf ist obligatorisch, denn hier könnte ja ein Aufnahmegerät versteckt sein. Dass nur Plastikflaschen des örtlichen Getränkestandes hinein dürfen, versteht sich hier ebenso von selbst, wie die Tatsache, dass Campingstühle draußen zu bleiben haben. Also heißt es, entweder zwei Tage im Staub zu liegen oder standfest zu bleiben.

Endlich im Mekka der Musik angekommen, gibt es unendlich viele Werbebanner zu bestaunen. Dem hungrigen Gourmet wird eine breit gefächerte Speisekarte mit Thüringer Rostbratwurst, Currywurst mit Fritten sowie Megahamburgern geboten. Ein echtes Paradies der Fleischeslust eben. Doch wer denkt hier schon ans Essen? Dafür ist die eingezäunte Sportwiese rechts übersichtlich gestaltet, mit ca. 4.000 Besuchern gut gefüllt und mit der riesigen Anlage und Bühne des Bang Your Head Festivals ausgestattet.

Wenden wir uns mit knurrendem Magen dem Hauptgrund des Aufenthaltes zu, denn musikalisch versprechen die angekündigten Acts einige positive Überraschungen. Den Anfang machen die Schweizer Hardrocker Shakra. Seit der Auflösung der Rockband Krokus im Februar 2008 gelten sie als deren potentielle Nachfolger. Große Riffs mit eingängigen Melodien, harte Gitarrensoli mit Metal-Einflüssen und dazu die markante Stimme von Sänger Mark Fox ergeben ein temporeiches Hörvergnügen auf hohem Hardrock-Niveau.

 

 

Spannung versprechen die beiden nachfolgenden Auftritte, denn sowohl Gitarren-Exzentriker Uli Jon Roth, Erfinder der Sky Guitar, als auch Hardrockgitarrist Michael Schenker haben ihre musikalischen Wurzeln bei den legendären Scorpions. Bei Michael Schenker hielt die Verbindung nur kurz, er verabschiedete sich schnell zur britischen Band UFO, wo er in den Folgejahren einige geschichtsträchtige Rocksongs mit einspielte. Maestro Uli Jon Roth ist an diesem Abend bestens aufgelegt, mit kunstvollen perfekten Soli, ausufernden Rockballaden und modernen Klassik-Interpretationen zieht er die Fans vor der Bühne von Anbeginn an voll in seinen Bann. Einen großen Teil seines Konzerts machen die anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen Vivaldi-Adoptionen seines neuen Werkes "Metamorphosis" aus. Insgesamt ein sehr überzeugendes Konzert auf höchstem Level. Dies zu toppen fällt dem Michael Schenker Trio recht schwer. Sehr hart, oft überlaut und ohne große hörbare Unterschiede zwischen den Stücken kommen die Songs rüber. Spätestens nach dem vierten Stück stellt sich eine gewisse Langeweile beim Zuhören ein, die auch durch Michael Schenkers zweifelsohne grandioses Gitarrenspiel und dem UFO-Megahit "Doctor, Doctor" nur bedingt aufgehoben werden kann.

Alles andere als langatmig kommen danach die Headliner des ersten Abends beim Publikum an. Uriah Heep, bereits seit ihrem Urzeitkracher "Gypsy" von 1970 als hochkarätige Rockpropheten gefeiert, bieten an diesem Abend ein Konzert der Extraklasse. Schwerpunkt der Songauswahl mit Rockperlen wie "July Morning", "Look At Yourself" oder "Easy Living" ist dabei ihre Glanzzeit aus den 70er Jahren. Das Quintett um Gründungsgitarrist Mick Box und den neuen Drummer Russell Gilbrook erfreut die natürlich besonders beim Gassenhauer "Lady in black" lauthals mitsingenden Fans mit erfrischender Spielfreude und bestem keyboardgeschwängerten Hardrock.

Auch der zweite Tag bietet unabhängig von der am Nachmittag eher mittelprächtigen Queen-Coverband Mayqueen einige stilvolle Ausflüge in die lange Geschichte des Rocks. Etwa mit dem deutschen Urgestein Jane. Bedingt durch den leider viel zu frühen Tod von Schlagzeugikone Peter Panka und den späteren Ausstieg von Keyboarder Werner Nadolny hat die Band im letzten Jahr einige personelle Wechsel durchlebt. Musikalisch klingen sie hierdurch nun vielleicht einen Tick härter und direkter, doch ihre vielen Klassiker wie "Hangman" oder "Daytime" haben absolut nichts von ihrer zeitlosen Qualität eingebüßt. Jane präsentiert sich an diesem schönen Hochsommernachmittag in bester Spiellaune mit gefühlvollen Gitarrenparts wie in "Water" oder saftigem "Speed Metal von 1971", wie Sänger und Gitarrist Klaus Walz den rasend schnellen Song "Wind" humorvoll bezeichnet.

Mit Ten Years After entert anschließend ein echtes "Summer of Love"-Quartett die Bühne. Denn bereits beim legendären Woodstock Festival sorgten die Bluesrocker seinerzeit für Furore. Selbst nach zahlreichen Umbesetzungen bieten Ten Years After auch heute noch saftigen Blues vom Feinsten. Evergreens wie "I'm Going Home" oder "Choo Choo Mama" erklingen dabei live ähnlich pulsierend wie vor vierzig Jahren. Im neuen Gewand kommen am lauen Sommerabend auch Songs wie die schöne Ballade "Good Morning, Little School Girl" daher, und so vergeht dieser mitreißende Live-Act leider wie im Flug.

Es folgt mit The Orchestra eine Art Reunion der früheren Hitproduzenten Electric Light Orchestra (E.L.O.). Symphonischer Schmuserock mit eingängigen Arrangements lassen viele vor der Bühne bei Songs wie "Telephone Line", "Showdown" oder "Hold on Tight" mitsummen. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Fall dieser Band besser gewesen wäre, die Toten ruhen zu lassen.

Sehr lebendig, doch auch sehr kurz spielen schließlich The Hooters in Seebronn auf. Die Band hatte bereits am Nachmittag einen Gig in Köln und wurde flugs per ICE und Kurierdienst zum Festival gebracht, wo sie jedoch leider viel zu spät und ohne eigene Instrumente landete. So haben viele der Besucher sich gerade mit dem mitreißenden Folkrock-Sound warmgemacht, als mit "Johnny B." und "All You Zombies" das Konzert ohne eine einzige Zugabe bereits wieder zu Ende ist.

Mit richtig feurigen, harten und mittelalterlichen Klängen locken In Extremo, Headliner des diesjährigen Festivals, die Fans vor die Bühne. Deutschlands erfolgreichstes Mittelalter-Rockseptett lässt es bereits im ersten Song "Omnia Sol Temperat" richtig krachen - mit Pyrotechnik-Flammenwerfern, eingängigen Rhythmen, harten Gitarrenriffs, fröhlich trötenden Dudelsäcken und der über allem schwebenden tiefen, sonoren Reibeisenstimme von Sänger "Das Letzte Einhorn", der Geschichten aus längst vergangenen Zeiten und Orten dieser Welt erzählt. Matthias Rhein lotet mit seinem Sprechgesang, mal auf Latein, mal auf Spanisch oder auch auf Althochdeutsch, in Songs wie "Spielmannszug" oder "Es regnet Blut" die tiefsten Tiefen der menschlichen Stimme aus. Und natürlich weiß er in der schönen Lyrik von "Wind" auch davon zu erzählen, wie der Wind die Wollust bringt. Teils mit bloßen Oberkörpern und voller Kraft voraus geht die Band bei ihrem Konzert zu Werke, wobei man häufiger den Eindruck hat, dass die historischen Instrumente wie Dudelsack, Schalmei oder Sackpfeife leider mehr und mehr zum reinen Beiwerk des harten Rocksounds degradiert werden. Trotzdem ist dieser hervorragende Extremo-"Spielmannszug" mit anschließendem Feuerwerk ein gelungener Abschluss eines Festivals, welches bei guten Liveacts und ein wenig mehr Einfühlungsvermögen für das leibliche Wohl der Besucher noch viele schöne Jahre vor sich haben wird!

 

Links:

>> Festivalinfo Rock Of Ages bei POP FRONTAL

>> Homepage Rock Of Ages

 

Shakra

Shakra

 

Uli Jon Roth

Uli Jon Roth

 

Michael Schenker

Michael Schenker

 

Uriah Heep

Uriah Heep

 

Jane

Jane

Jane

 

Ten Years After

Ten Years After

 

The Hooters

The Hooters

 

In Extremo

In Extremo

In Extremo

 

Abschlussfeuerwerk

Abschlussfeuerwerk

Startseite | Tickets | Konzertsuche: Genres | Konzertsuche: Städte | Konzertsuche: Bands A-Z | Konzertsuche: Festivals |

Magazin | Rundbrief | Live-Tipps | Archiv: Live-Berichte |

Konzerte eintragen | Content-Broking | Impressum | Datenschutz

© POP FRONTAL, 2003-2021; Design by Akupower!