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Gelesen! Tomte - Die Schönheit der Chance - Tage mit Tomte auf Tour.

Rezension der Tourtagebücher von Hilmar Bender (06.10.2006)

Text: Florian Steglich

Das ist natürlich eine einmalige Konstellation: Ein Tourtagebuch zu schreiben über die Band des Mannes, der ein Tourtagebuch geschrieben hat, über Tocotronic. Und um mal kein großes Aufhebens zu machen: Hilmar "Hillu" Bender hat es ebenfalls gepackt, uns heranzuholen an die Menschen, die da nicht nur vor uns auf der Bühne stehen, sondern auch wieder heruntersteigen, in einen Bus steigen, auch mal Hunger und nicht immer nur Durst haben, Toiletten benötigen und EM-Spiele sehen möchten. Wir erfahren, dass Tomte-Shirts in Word layoutet werden und warum man im Tourbus die Schlafkojen auf der rechten Seite wählen sollte. Wenn es Möglichkeiten gibt, auch musikalisch unproduktiven und Konzerte nur konsumierenden Fans eine Ahnung zu vermitteln, wie das ist, dieses Rock'n'Roll-Ding, dann sind Tourtagebücher eine der besseren.

Tomte - Die Schönheit der Chance

Erschienen ist "Die Schönheit der Chance" (über den Titel gab es wohl keine großen Diskussionen) nicht im indie-akademischen Ventil Verlag, sondern bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, die sich mit Musiker-Büchern verschiedenster Couleur ihren Platz erarbeitet haben. Aber es kommt nicht sehr stargeil herum, sondern überraschend ordentlich: Im Hardcover mit Schutzumschlag und Farbbildern im Mittelteil. Da fehlt nur noch das Lesebändchen.

Drei Jahre umfasst das Buch, es endet erst im Sommer 2006: Die letzten Seiten kommen dem eigenen Leben darum noch näher vor - die Tour mit Walter Schreifels, der Rekord mit 1000 zahlenden Besuchern in Leipzig (bald darauf mit 1700 geknackt), die Planung der GHvC-Festivals. Schwarzkopfs Herstellung arbeitet fix. Der Zeitraum bedeutet, dass alles dabei ist, was Band und Fans geändert hat und haben in dieser Zeit, und das ist der spannende Unterschied zu den Tocotronic-Tourtagebüchern. Die waren eine ein Dreivierteljahr umspannende Momentaufnahme der Band zu K.O.O.K.-Zeiten, bei Tomte bekommen wir mehr mit: Die Clubs werden Konzerthallen, das WLAN wird besser, die Fahrzeuge größer, die Bäder fensterloser, weil zunehmend im Innern größerer Gebäude liegend. Man hält sich nicht nur in Kneipen auf, sondern auch in Rundfunkstudios. Nicht nur zwei Immerguts sind dabei, sondern auch die ganz großen Festivals des Landes. Und als die Kameras der Hansen-Band im Backstageraum dazukommen, fühlt man sich an diesem Punkt des Buches auch als Leser ein bisschen gestört.

Und natürlich kommen die bleibenden Momente vor, die wir - aus den Texten, Ansagen, Interviews - von außen mitbekommen haben. Schöne Momente wie Thees' aus dem aktuellen Album drängendes privates Glück und traurige wie der Tod von Goo, dem Hund, oder Rocco Clein. Hilmar Benders eigene große Momente kommen dazu, und all das ist oft rührend und darum so gelungen, weil es nie unangenehm dicht wird. Herausragend die Stelle, an der der Autor, der lieber Schreiber genannt werden würde, die Eltern Uhlmann zum Interview aufsucht und dann nichts aus dem Gespräch veröffentlicht, weil er sich vorkommt wie ein Eindringling im Privatleben desjenigen Songwriters, der seine Seele in der Öffentlichkeit so zeigt, wie nur wenige es tun.

Hilmar Bender kriegt das also wirklich prima hin, und nur manchmal wird es ein bisschen onkelhaft, wenn er den Türsteher den "Steher an der Tür" nennt oder schreibt: "Philipp, Dennis und Max (...) ziehen noch weiter, wir uns aber faul (...) zurück und kurz darauf, so gegen drei, die Decke über die Nasenspitzen." Aber was soll's, Uhlens ständiges "featuring" in den Tocotronic-Tourtagebüchern ging auch auf die Nerven und war doch so egal fürs Ganze.

Die Fotos sind zum Teil von nur, nun ja, historischem Interesse (erstaunlich aber, dass man bei Tomte schon lange den Klinsmann/Löw-WM-Dress trägt, wie man auf dem siebten Foto sieht), die Bildunterschriften nicht immer sehr lustig für Außenstehende. Gegen Ende, nachdem Hilmar Bender auf Seite 164 schon mal aufhören wollte zu schreiben, häufen sich die Schlussworte, aber das ist vielleicht der Wehmut zuzuschreiben und insofern nur verständlich. Wie nervtötend und gleichzeitig großartig das alles ist auf so einer Tour, mit so einer Band, man kriegt es mit, und man wird daran denken, wenn wieder irgendwo das Red Car mit den abgeknickten Ohren hinter einem Zaun vor einer Konzerthalle herausschaut und wenn Hillu Bender oder ein anderer Merchandising-Honk am Rand der Halle Shirts faltet. Die aktuelle Tour läuft noch ein paar Tage, und im November steht eine Lesegitarrenreise von Thees und Hilmar an. Es wird wieder schön werden.

 

Links:

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>> Homepage Schwarzkopf & Schwarzkopf

>> Tourdaten Tomte bei POP FRONTAL

>> Tourdaten Thees Uhlmann & Hilmar Bender (Akustische Lesereise) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Potsdam, Leipzig, Düsseldorf, Hamburg (27.-31.01.06) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Platenlaase (02.05.05) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Hamburg (08.04.06) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Thees Uhlmann @ Köln (17.12.05) bei POP FRONTAL

Tomte - Die Schönheit der Chance

Tomte - Die Schönheit der Chance

Tomte - Die Schönheit der Chance

 

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Hilmar Bender: Die Schönheit der Chance - Tage mit Tomte auf Tour

250 Seiten, 50 s/w und farbige Abbildungen

12,5 x 20 cm, Hardcover mit Schutzumschlag, separater Bildteil

ISBN 3-89602-697-6 / ab 2007: 978-3-89602-697-2

14,90 Euro

 

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