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Gesehen! Tortoise / 22.07.2004, Hamburg, Fabrik

Tropische Temperaturen drinnen und draußen

Text: Mikel Plett

Zugegeben, der Weg in die Fabrik fiel an diesem Abend nicht besonders leicht. Für Menschen aus dem Süden der Republik mag es schwer vorstellbar sein, aber im Norden war der Sommer bisher mehr als mies, die warmen Sonnentage konnte man problemlos an den eigenen Händen abzählen, die Abende, an denen man gerne draußen sitzt, ebenfalls. Dementsprechend viel Willenskraft war nötig, um dem eingeschlagenen Weg standhaft zu folgen, und all jene, die vor den Kneipen und in den Biergärten saßen, als Unwissende oder schlicht Desinteressierte links liegen zu lassen. Laue Sommerabende wird es schließlich noch genügend geben, wer weiß aber, wann Tortoise mal wieder den weiten Weg von Chicago auf sich nehmen, noch dazu mit einer so sensationellen Platte wie "It’s all around you" im Gepäck.

Tortoise

Recht eindrucksvoll war an diesem Abend schon der Bühnenaufbau: zwei Drum-Kits und das Vibraphon direkt am vorderen Bühnenrand platziert, Doug McCombs (Brokeback, Eleventh Dream Day, Pullman) am Bass und Jeff Parker (Isotope 217, Chicago Underground Trio, Duo & Orchestra) an der Gitarre etwas weiter hinten rahmten das Keyboard und die Elektronik ein. Während des Abends wechselten John McEntire (The Sea and Cake), John Herndon & Dan Bitney (beide Isotope 217) fleißig untereinander die Instrumente. Mal mit zwei Bässen, dann wieder an zwei Schlagzeugen boten Tortoise Unglaubliches. Mit geradezu übermenschlicher Präzision prasselten die Drumsticks unisono auf die Trommeln, hämmerten die Klöppel auf das Vibraphon ein. Überwiegend auch noch synchron zu den Videoinstallationen auf der großen Leinwand hinter der Bühne. Spektakulär!

Akustisch standen die fünf Schildkröten dem in nichts nach. Wie schon so oft bei dieser Band widersetzte sich das live Dargebotene einer exakten Benennung. Zu sehr ähnelte es einer Jam-Session, was in der Fabrik präsentiert wurde. Regelmäßiges Aufhorchen ob einer bekannten Tonfolge, einer angedeuteten Melodie oder eines vertrauten Rhythmus, von denen dann doch nichts Greifbares blieb, die sich ständig veränderten, zerflossen, sich neu formten und wieder zerfielen. Und dann doch wieder Bekanntes: hier etwas "Seneca", dort ein wenig "Djed", plötzlich "Ry Cooder". Ein Wechselspiel der Stücke, der Alben, der Gefühle.

Das Wort "Postrock", entstanden aus dem Bedürfnis, dieser Band eine Schublade zu schaffen, die groß genug ist, um Begriffe wie Rock, Dub, Jazz, Electronica oder gar Easy Listening zu fassen, ließ sich an diesem Abend problemlos auf das Publikum ummünzen. Vom gesetzten Jazzliebhaber bis zum jugendlichen Elektrofreak war alles vertreten, was dem lauen Sommerabend hatte widerstehen können. Zur Belohnung gab es einen Abend der Superlative, ein beeindruckendes Konzert mit drei Zugaben, in deren Verlauf noch die halbe "It’s all around you" dargeboten wurde. Und tropische Temperaturen in und vor der Fabrik.

 

Links:

>> Künstlerinfo Tortoise bei POP FRONTAL

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Tortoise

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Tortoise - It's All Around You

(Thrill Jockey / Rough Trade)

 

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