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Gesehen! Unsane, Dyse, flu.ID, D-66 / 21.09.2007, Hamburg, Hafenklang Exil

Präsentiert von POP FRONTAL

Sülze an der Wand?

Text: Sandra Kriebitzsch

Die alten Noiserock-Haudegen von Unsane haben in diesem Jahr mit "Visqueen" ein neues Album veröffentlicht. Nach zwei Platten auf dem Metal-Label Relapse nun bei Ipecac, der Plattenfirma von Mike Patton. Neues Label, sonst aber alles beim alten: Im genüsslich fies vor sich hin Bratzen macht es den New Yorkern noch immer so schnell keiner nach. Da sollten doch die jungen gegen alt aussehen, stand zu vermuten. Mit Dyse und flu.ID treten an diesem Abend im Hamburger Hafenklang nämlich zwei frische Bands aus dem Osten unseres Landes an, um den alten Herren die Bretter vorzuwärmen.

Unsane

Was sofort auffällt: Auch das Publikum im gut gefüllten Hafenklang teilt sich in jung und alt. Von schätzungsweise 16 bis 46 scheinen alle Altersklassen vertreten zu sein. "Wer spielt denn noch?" - "Unsane, die sollen auch ganz gut sein", hört man später nach dem Dyse-Gig ein junges Ding zum anderen sagen. Der zufällige Zeuge dieses Wortwechsels schüttelt den Kopf und raunt etwas von "Perlen vor die Ferkel".

Apropos Schwein. Der Hamburger Poster-Künstler Mitchum D.A. bot am Merchandising-Stand sein speziell für das Konzert gestaltetes Unsane-Poster feil. Das irgendwie gut zum "Visqueen"-Albumcover passen will, auf dem ein Körper in einer Plastikhülle abgebildet ist. Das Hamburg-Poster wiederum zieren einige sauber in Cellophan verpackte Scheiben Sülze. Hintergrund: Zur Europa-Tour von Unsane hat an jedem Ort ein Künstler ein Konzertplakat für den jeweiligen Abend gemacht. Eine in den USA weit verbreitete Form der Posterkunst und Konzertwerbung, aber hierzulande noch etwas Besonderes. Bei wie vielen Fans die Verehrung für Unsane wohl soweit gehen wird, sich das Abbild von Sülze an die Wand zu hängen?

Aus dem Konzertraum tönt inzwischen eine ordentliche Ladung Gitarrengeschepper herüber. Als allererster Act des Abends hat D-66 die Bühne betreten. Ein Mann und seine Gitarre. Plus Bassdrum, die er beim Gitarrespielen und Singen noch mit dem Fuß bedient. Die selbsternannte "One-Man-Trash-Blues-Army" - laut myspace-Seite aus Venezuela, laut Poster aus dem Vereinten Königreich - hat es in sich. Der Mann, Marke "born for entertainment", verwandelt den Saal augenblicklich in eine kochende Rock'n'Roll-Höhle. Dagegen sehen Flu.ID im Anschluss etwas alt aus. Zumindest für den Teil des Publikums, dem das Umschalten von Rock'n'Roll-Sause auf Emo-Party nicht gelingen will. Hymnischen Screamo-Core legen die Herren aus Leipzig, Gera und Chemnitz auf's Parkett und beherrschen dabei den Hüftschwung nicht ganz so gut wie ihr Vorgänger.

 

 

Das Duo Dyse aus Jena und Chemnitz macht es dann spannend. Insbesondere Gitarrist André springt lange vor dem Verstärker zum Soundcheck herum. Entledigt sich dann aber schlagartig seines Haargummis und schüttelt die wallenden Locken zum Konzertauftakt gen Publikum. Was er dann zusammen mit Kompagnon Jari am Schlagzeug der Meute vorsetzt, strotzt vor Energie, Bewegung und erfrischender Spielfreude. Dyses frickliger, dabei unverkopft wirkender Experimental-Noise begeistert vom ersten bis zum letzten Ton. Großartig und dazu noch hochsympathisch. Der Nachwuchs hat gut vorgelegt.

Schließlich betreten Unsane die Bühne, um Noiserock der alten Schule zum Besten zu geben. Zunächst aber eine Überraschung: Bassist Dave ist verhindert und wird auf der Tour durch Jack Natz von Cop Shoot Cop ersetzt. "Unsane sind Dave, Vinny und ich", hatte Sänger/Gitarrist Chris Spencer noch vor einigen Monaten der Visions ins Mikrofon diktiert. Wenn sich das mal ändern sollte, seien Unsane tot, so Spencer weiter. Tot wirken sie an diesem Abend nun nicht gerade. Dass der Bass an diesem Abend aber nicht so ganz seine dominante, nach vorne treibende Rolle einnehmen will wie gewöhnlich, ist womöglich dem Besetzungswechsel, aber sicher auch der Anlage des Hafenklangs geschuldet. Etwas mehr Wumms könnte das Ganze gut vertragen. Was aber der Überzeugungskraft des Auftritts keinen Abbruch tut.

Klassiker wie "Body Bomb" und "Committed" reihen sich nahtlos neben das neue Material. Unsane sind ganz die alten. Bewegung wird auf das notwendigste reduziert. Die Band versteht es wieder, die Zuhörer in ihren seltsamen Bann zu ziehen. Der unsane-typische, scheinbar auf der Stelle tretende, stoisch vor sich hinwalzende Brachial-Sound entfaltet seine meditative Wirkung. Man fühlt sich irgendwie… ja, geläutert. Und frisch. Körper und Seele kräftig durchgeschüttelt. Kaum zu glauben, dass es schon 3 Uhr morgens ist, als der letzte Ton des Spektakels nach einigen Zugaben versiegt. Ein langer, aber äußerst kurzweiliger Abend.

 

Links:

>> Künstlerinfo Unsane bei POP FRONTAL

>> Homepage Unsane

>> Unsane: Visqueen - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Unsane: Sülze-Poster @ gigposters.com

>> Alle Unsane-Europa-Tour-Poster

>> Künstlerinfo Dyse bei POP FRONTAL

>> Homepage Dyse

>> Homepage D-66

>> Homepage Flu.ID

 

 

Unsane

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Unsane: Visqueen

Unsane: Visqueen

(Ipecac / Soulfood)

 

Dyse

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