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Gesehen! Bernd Begemann & Die Befreiung + Justin Balk / 14.01.2005, Hamburg, Knust

Der BegeBeat der Befreiung

Text / Live-Fotos: Martina Nossek

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Die Antwort auf alle wichtigen Lebensfragen tingelt schon seit zwei Jahrzehnten durch die Hallen und Clubs der Nation. Ob solo oder mit einer Band auf Tour, ist Wahlhamburger Bernd Begemann der ungeschlagene FC St. Pauli des deutschsprachigen Entertainments. Kompositionen und Texte lieferte er schon für Oceana, Michel van Dyke oder Dieter Thomas Kuhn. Er spielte mit Tobi & das Bo oder Mitgliedern von The Jeremy Days zusammen. Unbegreiflich, dass es irgendwo da draußen tatsächlich noch Leute geben soll, denen der adrette Anzugträger mit seinen hemdsärmlig alltagstauglichen Geschichten noch kein Begriff ist.

Bernd Begemann

Die Welt ist schlecht, und wir haben Tränen in den Augen. Alle, die den Einundvierzigjährigen aus Bad Salzuflen noch nicht kennen, sind es wohl genau aus diesem Grund (weil die Welt zu ihnen schlecht ist). Alle, die Bernd Begemann kennen, haben diesen glasigen Blick, weil das, was der Liedermacher-Olympionike singt, so grandios und gnadenlos wahr, liebenswert amüsant und exzellent beobachtet ist. So lässig selbstironisch und augenzwinkernd vereint er gegensätzliche Gemüter. Frauenherzen schlagen höher, Männer Alarm. Horden spontan heiratswilliger Damen schmieden Pläne einer rosafarbenen Zukunft in XL, während die Herren wahlweise über düstere Mordabsichten oder die magische Anziehungskraft heller Bundfaltenhosen sinnen und Schwulwerden akut als valides Lebensmodell einstufen. (Wer sagte noch gleich, die Welt sei schlecht?) Als Schiegermutterideal packt der Tanzbär das Leben mit seinem Mikrofaserblick auf die Welt in detailverliebte Dreieinhalb-Minuten-Songs. Alle, die ihm zu Füßen liegen, danken es dem Exil-Eimsbüttler mit frenetischen Ovationen und stellen fest: "Ja, verdammt. Genau so ist's!"

Im gut abgestimmten Bandgefüge der "Befreiung" trommelt Achim Erz zwischen beschwingtem Bums-Disko-Drive und zarter Engtanz-Kuschelei. Wie unter Wasser und über den Wolken intoniert Kai Dohrenkamp filigran die Keyboardtastatur. Zu Lebenswahnsinn und Liebespoesie zupft Vollbartkotelette Ben Schadow an den wummernden Bass-Saiten. Das Leben ist ein Brigitte-Leserinnen-Wunschkonzert. Zumindest bei Bernd Begemann-Shows. Süchtig nach Applaus richtet uns der mimikstarke Songwriter mit zeitlos betörendem Charme und einem stets mehr als dreistündigen Pointenmarathon gekonnt und souverän wieder auf. Ein herzliches Geben und Nehmen im gelungenen Wechsel. Aus allen Ecken des Raumes bewegt sich die einhellig lauter werdende Stimmwand immerzu nach vorne: "Unten Am Fluss / Unten Am Hafen / Wo Die Großen Schiffe Schlafen." Der klare Heimvorteil in "seiner" Stadt schallt ihm mit viel Jubel aus hunderten heiser werdenden Kehlen an anderer Stelle mit einem sattem "Fischbek" entgegen. "Das beste Fischbek seit hundert Konzerten! (Damit Fischbek euch erspart bleibt!)", wie das bauchige Zentralorgan wohlwollend grinsend zurückgibt. Glückselige Gesichter freuen sich über kindlichen Spaß am Erzählen, erfrischende Selbstironie und den schonungslosen Ausdruckstanz im Mambo-Style zu "Gut im Bett". Ein männlicher Skeptiker wirft neidvolle Blicke auf die Bühne zu einem, der da so wonnig und ganz innig er selbst ist. In BegeBeat-Manier macht da vorne einer ernst mit dem großen Gefühl. Zu imposantem Latin-Lover-Hüftschwung, tribbelnden Kevin-Kuranyi-Steppfüßlein, Herzschmerz, der auf dem Pegel schon nicht mehr drauf ist und bis in die herausgestreckte Zungenspitze reicht. Neidhammel haben da erst einmal zwanzig Minuten Zeit, um ihre Kauleiste wieder in den Griff zu kriegen. So ein Mammutprogramm erfordert eine Verschnaufpause.

"Macht Lärm! Macht Lärm!" Mit laszivem Overkill in der Stimme reißt Bernd mit großer Geste in Schweißperleneuphorie die Arme in die Luft, und vor allem die höhere Frequenz der Geräuschkulisse im Publikum nimmt rapide zu. Eine glückliche Rampensau aus dem Freien und hansestädtischen Stall des Grand Hotel van Cleef suhlt sich jackett- und krawattenbefreit mit offenem Hemd und wirrem Brusthaar im erhitzten Lichtkegel. Zu so einer Show gehören natürlich auch Star-Gäste par excellence. Kuschel-Bernd hat sich auch heute einen lieben Kollegen eingeladen, mit dem er gemeinsam singt und musiziert. Ex-Cucumberman Justin Balk schlug bei einem Treffen mit der Band vor, ein Rod-Stewart-Cover von "Da Ya Think I'm Sexy?" zum Besten zu geben. Reaktion der Band: "Das ist doch nicht dein Ernst?" Balk: "Doch!" Die Band; "Ja, gei-i-l!" Und so windet sich der junge Justin zu "If You Want My Body / And You Think I'm Sexy / Come On Baby Let Me Know" betörend um den Mikrofonständer, als sei dieser das lang ersehnte Objekt seiner innigsten Begierde. Und schwups! Da ist es wieder, das besagte Kinnladen-Problem...

Von Publikumswünschen wie "Bleib Zu Hause Im Sommer", "Fernsehen mit deiner Schwester" oder "Zweimal Zweite Wahl" angepeitscht, genießt das schlagfertige Tanzego mit eloquent verschmitztem Lächeln "Oh, St. Pauli"-Gesänge und zähmt seine improvisationsstarken Bandkollegen mit den Worten: "Leiser! Die Leute wollen mitsingen." Ein glamouröses Verständnis von Pop, wildes Augenbrauenzucken, sparsame Gitarrenakkorde und Spontanmonologe gehören fest zum Programm. Genauso wie der legendäre und begemanntypische Lokalpatriotismus inklusive Lästerattacke gegen Berlin-Hauptstädter. Dass bei vermuteten 250 Setlist-Titeln präsentierbare Repertoire von der Ikea-Falle, über das tieftraurige "Wir träumen von Liebe", bis hin zum rebellischen "Unsere Liebe ist ein Aufstand" wächst die gefühlte Zugabenzahl schon mal auf zwanzig.

Doch irgendwann geht auch der schönste Abend zu Ende. Aber nicht ohne berührende Balladen, überschaubar einfache Akkordfolgen, irres Mundwinkelzucken, schelmisches Augenkreisen und "Bist du den Richtigen triffst, nimm mich", "Ich kann dich nicht kriegen, Katrin" oder "Ich habe nichts erreicht außer dir". Euphorisch lernen auch wir täglich dazu (und werden trotzdem nicht klug). Eins ist aber sicher: "Unsere Band ist am Ende" trifft definitiv nicht auf Bernd Begemann und Die Befreiung zu (ein Indiz ist das ausschließbare Desinteresse der Damenwelt).

Das altersweise "Judith, mach deinen Abschluss" und das idyllische "Kelly-Family-Feeling"-Mitsingpotenzial haben wir vermisst, aber dafür gibt es ja den monatlich wiederkehrenden "Freitag der Befreiung" im Knust. Dann nimmt er sich wieder viel Zeit, gibt endlos Autogramme, umarmt Menschen und macht sie für den Moment glücklich. Im Gegenzug mutieren hunderte zu Wiederholungstätern und besuchen ihn wieder und wieder (oder sie schicken jemanden, falls sie im Urlaub sind). Am 11.02.2005 heißt es wieder "Stars! Stars! Stars!" Diesmal mit Niels Frevert, umschwärmtem "Eveli-i-n"-Sänger der einstigen Nationalgalerie. Dann werden im Namen der Liebe alle wichtigen und unwichtigen Lebensfragen nachgeholt, die heute keine Antwort fanden.

 

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Links:

>> Künstlerinfo Bernd Begemann & Die Befreiung bei POP FRONTAL

>> Homepage Bernd Begemann

 

Bernd Begemann

Bernd Begemann

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Bernd Begemann & Die Befreiung

 

Bernd Begemann: Unsere Liebe ist ein Aufstand

Bernd Begemann & Die Befreiung: Unsere Liebe ist ein Aufstand

(Grand Hotel van Cleef / Indigo)

 

 

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