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Gesehen! The Divine Comedy / 11.08.04, München, Atomic Café

Behave!

Text: Bettina Dunkel

Herr im Himmel, lass das Dandytum wieder aufleben! Lass Benimmregeln durch die Körper fahren, stilisiere Anzüge zum Alltagsdress und generiere (selbst)ironische Kommentare zur Kommunikationsform Nummer eins! Was wäre das sexy! Optisches Blendwerk wie makellose Gesichtszüge und gestählte Körper: wer braucht denn so was? Lässiges Understatement macht diese Welt zu einem besseren Platz! Überschwänglichkeit wie diese ist dem geforderten Benehmen natürlich nicht ebenbürtig, aber wer sagt denn, dass Frauen sich obige Worte zu Herzen nehmen sollten? Wie auch immer: Neil Hannon alias The Divine Comedy ist es, der hier für Verzückung sorgt.

The Divine Comedy

An und für sich ist Neil Hannon ein unscheinbares Männchen von schmächtiger Erscheinung und wenig beeindruckender Körpergröße, aber mit Witz und Charme vermag der segelohrige Kauz Seufzer des Glücks zu produzieren. Ach ja: Seine Ausnahmestimme samt Vortragsweise spielt dabei natürlich auch eine nicht unerhebliche Rolle. Und die kann ihm keiner nehmen. Denn was zu befürchten stand – dass die opulenten Arrangements des neuen Opus "Absent Friends" in clubtauglicher, also reduzierter Form nicht funktionieren würden – trat nicht ein.

Seitens des Publikums bestanden anscheinend auch keine Zweifel an den Fähigkeiten des Popgenius. Zumindest war das Atomic Café restlos ausverkauft, genügend Einlassbegehrende verhungerten am ausgestreckten Arm der restriktiven Türpolitiker. Innen drin blieb keine Zeit für Mitleid. Plätze mit guter Sicht waren hart umkämpft, wie eigentlich immer in der wohnzimmergroßen Kultlokalität. Aber auch ohne optimalen Bühnenblick ließ sich das Konzert genießen. Denn die Akustik drang auch in den entlegensten Winkel. Und noch viel tiefer.

Bemüht unbemüht gaben Hannon und seine beiden Tourmusiker an Kontrabass, Gitarre und wahlweise Banjo Einblicke in die gepflegte Kultur der Unterhaltung. Der musische Mastermind selbst nahm am Klavier Platz und gab den spleenigen Conferencier. Und hier setzt die Bereicherung an, die den Verlust der orchestralen Studioinstrumentierung ohne Weiteres wettmacht. Denn wenn Hannon in seinen Songtexten den bildgewaltigen Geschichtenerzähler gibt, so ist er im direkten Gespräch mit seinem Auditorium der zurückhaltend witzelnde Tischnachbar, an dem sein erklärtes Vorbild Oscar Wilde die hellste Freude gehabt hätte.

Die meisten Monologe dienten natürlich der Einleitung nachfolgender Hymnen wie beispielsweise "Lost Property". Hier wie auch andernstücks nahm sich Hannon - der gerne Autobiographisches verwurstet - selbst auf die Schippe, witzelte über seine Schusseligkeit und all die Dinge, die ihm deswegen abhanden gekommen waren. Papers. Parkas. Tennisschläger. Eine göttliche Komödie. Es blieb aber auch genügend Raum für Diskurse über die Befähigung von Bands wie Blink 182 oder Motörhead. Wobei Letztgenannte weniger durch wortreichen Gedankenfluss in Erscheinung traten, als vielmehr durch ein ungemein rau geröhrtes "The Ace of Spades"-Zitat. Ernster gemeint war da schon die Coverversion von Queens of the Stone Ages "No One Knows" - vollends ungewöhnlich, aber liebevoll auf die eigenen Musikvorlieben umgebrochen.

Was die eigenen Stücke betraf, so funktionierten ohnehin sparsam instrumentierte Meisterwerke wie "My Imaginary Friend" beanstandungslos. Auch fehlende Kleinigkeiten wie das brummende Saxophon bei "Happy Goth" taten der transportierten Stimmung keinen Abbruch, ebenso wenig ließ sich der Easy-Listening-Rhythmus von "Come home, Billy Bird" negativ beeinflussen. Zugegeben: hier und da konnte man die melancholieförderlichen Streicher und Bläser schon vermissen. Aber mal ehrlich: wer hält sich schon gerne im Kreise einer traurigen Gesellschaft auf? Insofern sollte man sich dankbar zeigen, live einem solch einzigartigen Unterhaltungskünstler beigewohnt haben zu dürfen.

 

Links:

>> Künstlerinfo The Divine Comedy bei POP FRONTAL

>> Homepage The Divine Comedy

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The Divine Comedy

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