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Lange Haare und Jeansjacken mit Aufnähern, wohin das Auge reicht. Beim ersten German Kultrock Festival in der größten Kulturhöhle Europas dominieren eindeutig die Ü40-Fans. Doch auch viele junge Besucher, welche die Hochzeit der deutschen Rockmusikszene leider nicht persönlich erlebt hatten, genießen das Höhlenfeeling mit vier Bands dieser Epoche. Bei wunderschönem Sommersonnenwetter am Nachmittag ist eine dunkle Höhle eigentlich kein besonders einladender Ort um Rockmusik live zu erleben, oder gerade doch?
Jane
Vor den Kassenhäuschen bilden sich jedenfalls lange Schlangen, und viele der gut 1.200 Fans beeilen sich, um einen für sie guten Platz in der wunderschön gelegenen, ebenerdigen Balver Höhle zu ergattern. Anders als beim Psychedelic Rock Festival im letzten Herbst ist die Bühne statt im Eingangsbereich diesmal im hinteren Drittel der Naturhalle platziert, was der kunstvoll beleuchteten Höhle leider einiges von ihrem bizarren Charme raubt.
Auf Musik brauchen die Besucher nicht lange zu warten, denn zur besten Teatime entert das Deutschrock-Quintett Franz K. die Bühne. Die erst 2009 neu reformierte Band macht mit rockigen Cover-Partysongs wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder dem Hans Albers-Kultlied "Flieger grüß mir die Sonne" direkt das Mitsing-Fass auf. Natürlich dürfen auch ihr großer Hit "Wir haben Bock auf Rock" und weitere Eigenproduktionen nicht fehlen. Franz K. rocken kraftvoll und frisch, wie in längst vergessenen Zeiten, und wecken dabei viele Erinnerungen an die für sie ruhmreichen 70er und 80er Jahre.
Nach kurzer Umbaupause kommt mit Epitaph eine Art Dauerbrenner der deutschen Rockszene auf die Bühne. Trotz einiger Umbesetzungen und Wechseln von Plattenlabeln hat das Rockquartett, sehr zur Freude der vielen Fans, in den letzten 40 Jahren live stets kräftig mitgemischt. Die Gründungsmitglieder Gitarrist Cliff Jackson und Bassist Bernd Kolbe, Heinz Glas als zweiter Gitarrist und Drummer Achim Poret überraschten vor einigen Jahren sogar mit dem neuen Studioalbum "Remember The Daze" Kritiker und Fans gleichermaßen. Der Song "Cold Rain" ist ein perfektes Beispiel für ihren Double-Lead-Guitars-Sound, welcher besonders live mächtig nach vorne rockt. Auch "East Of The Moon" ist solch ein Powerstück mit sanftem Beginn, treibendem Drumrhythmus, den beiden übernehmenden Sechssaitern und der unverkennbaren Stimme von Sänger Bernd Kolbe. Keine Frage: Epitaph stehen nach wie vor voll im Saft und bieten einen gelungenen Gig, der keine Wünsche offen lässt.
Nach abendlicher Stärkung mit Pommes-Currywurst, den einzigen Speisen, die neben der üblichen Flüssignahrung zu bekommen sind, geht es bei langsam einsetzender Dunkelheit mit der Kult-Progrockband Nektar in die zweite Halbzeit des Festivals. Nektar präsentieren ähnlich wie bei ihrem Gig beim Burg Herzberg Festival vor einem Monat eine starke Setlist mit gelungenem Mix aus alten Ohrwürmern wie dem 20-Minuten-Gehirnfräser "A Tab In The Ocean" oder "Recycled" und neuen Songs. Trotzdem verlassen ihre Fans nun in Scharen die Höhle oder versehen ihre Ohren mit Gehörschutz. Die Erklärung ist einfach: was bei Epitaph und Franz K. aufgrund eher lauter Rocktöne noch nicht so stark ins Gehör traf, offenbart sich beim eher ruhigeren, Keyboard-orientierten Stil von Nektar schonungslos: der Sound, egal ob im Stehbereich vor der Bühne oder auf der Sitztribüne ist leider maßlos übersteuert und verzerrt! Schlimm für die aufopferungsvoll spielende Band, bei der besonders der unermüdlich arbeitende Klaus Henatsch an den Tasten überzeugt - und natürlich für die leidenden Besucher, von denen es viele verständlicherweise vorziehen, das Konzert außerhalb der Höhle zu verfolgen.
Erstaunlicherweise wesentlich besser kommt der Sound schließlich bei Jane rüber. Gerade auf 40-Jahre-Jubiläumstour ist die Band mit Bassist und Stimmakrobat Charly Maucher, Sänger und Gitarrist Klaus Walz, Fritz Randow als "Tier" am Schlagzeug, Arndt Schulz an Gitarren, Wolfgang Krantz an den Keyboards und zweitem Tour-Tastenmann Corvin Bahn in absoluter Bestform. Vom ersten Song "All My Friends" bis zur letzten Zugabe "So, So Long" liefert das Sextett eine grandiose Rockshow ab, die mit dem Begriff "Gesamtkunstwerk" wohl am besten beschrieben werden kann. Mal melodiös verspielt wie im 17-minütigen "Windows/Spain" oder virtuos rockig wie bei "Hangman": Jane errichteten an diesem Abend eine perfekte Soundwand, die unerbittlich auf die vielen hingerissenen und vor der Bühne dicht gedrängten Fans einprasselt. Mit "Way to Paradise" widmen sie zudem dem 2007 leider viel zu früh gestorbenen Bandgründer Peter Panka eine eigene Hymne. Wer das Jane-Konzert beim Psychedelic Rock Festival im letzten Herbst an gleicher Stelle erlebt hat, kommt um die angenehme Erkenntnis nicht herum, dass sich die Band sehr zur Freude ihrer großen Fanbase mit der heutigen Show noch mal gesteigert hat.
Ein bis auf Raumaufteilung und Soundaussteuerung perfektes Kult-Rockfestival in wahrlich einzigartiger Location, das leider schon um Mitternacht zu Ende ist - und geradezu nach einer Fortsetzung schreit. Bleibt zu hoffen, dass dieser Ruf von den Veranstaltern, denen großer Dank für die Organisation gebührt, auch erhört wird!