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Gesehen! Hurricane 2005 / 10. - 12.06.2005, Scheeßel, Eichenring

Wie geht's dir? Wo warst du? Wie war es?

Text / Live-Fotos: Michael Kellenbenz

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Die berühmten drei Fragen. "Wie geht's dir? Wo warst du? Wie war es?" Menschen finden (sich) zusammen und werden ein Wochenende lang in das Schleuderprogramm voller Impressionen und Emotionen gesteckt. Heiter, wolkig, in fast jedem Fall auch stürmisch. Eigentlich ist auch Sommer hier in Scheeßel. Doch die Tageszeitungen werden nach dem Wochenende wieder nur über "Heiße Beats" schreiben. Gegen die Kälte. Gegen die Regenschauer. Dabei kann man sich in der gefühlt zu hohen Zuschauermenge der Körperwärme des Nachbarn fast nicht entziehen.

Oasis @ Hurricane

Vorneweg eines: musikalisch ist das Festival durch die Bank weg erstklassig besetzt und muss sich auch nur weniger Absagen rechtfertigen. Athlete verpassen zu guter letzt den Flieger, nachdem ein paar Tage vorher Richard Ashcroft die Segel strich. Dafür sehen wir aber I Am Kloot. Kurz nach der erfolgreichen Clubtour noch einen Auftritt draufgesetzt. Etwas suspekt scheint ihnen die Helligkeit schon zu sein, aber was soll's. Unter erschwerten Wetterbedingungen doch noch den Funken überspringen zu lassen, ist der Gradmesser einer Band. Diese Hürde schaffen die meisten Künstler mit erstaunlicher Leichtigkeit. Ein durchweg dankbares Publikum kommt ihnen aber auch auf halbem Wege entgegen. Das Konzept, beide offenen Bühnen nicht mehr zeitlich zu überschneiden, geht auf. Natürlich auf Kosten einer geballten Völkerwanderung. Wer da zu spät kommt, steht am Rande und versteht kaum ein Wort. Kettcar zum Beispiel liefern ein recht leises Konzert ab, haben etwas zu sagen, erreichen aber mal gerade die Hälfte der Menschen. Der Rest ihrer Befindlichkeitsbeschreibungen verweht im Wind.

Wir erinnern uns. Das Hurricane machte sich in der Vergangenheit einen Namen dadurch, dass es polarisiert und alternative musikalische Wege aufzeigt. Doch was einst einen guten Teil der Massen auf andere Festivals lenkte, irritiert nun selbige, denn heuer sind sie hier am Eichenring. Fantomas, Mike Pattons schwer verdauliche Jazz-Avantgardisten im Crossoverkill oder die trommelig kopfrauschenden zwei Dresden Dolls sind schwer goutierbare Kost. Mancher fühlt sich sogar bereits von ...Trail of Dead latent überfordert. Einfachere Botschaften bringen Rammstein unter das Volk und surfen in einem Schlauchboot über die Köpfe der Zuschauer. Knall! Peng! Lustige Feuereien nach wie vor inklusive. Turbonegro werfen Orte und Zeiten gleich mal komplett in einen Topf und bringen "Hurricane" irgendwie mit Benefiz und Südostasien zusammen. Humor kracht manchmal langsam, aber gewaltig. Richtig lustig machen Flogging Molly die Menge. Irischer Frühling auf der von einem Hauptsponsor "begrünten" Bühne. Dinosaur Jr. feiern eine nasskalte Legenden-Reunion. Trent Reznors Nine Inch Nails versammeln abends Intellekt, Faustschläge und Weblogeintragungen wie diese: "Bei 'Something I could never have' hatten Trent und ich beide Tränen in den Augen, und dem dummen Abiturienten, der hinter mit stand und meinte, durch das Lied durch dummes Zeug labern zu dürfen, musste ich leider meinen Ellenbogen in die rückratslose Wirbelsäule schlagen. 'Ich hab doch gar nichts gemacht', jammerte er. 'Doch, du wurdest geboren.'" Hurricane im Jahre 2005.

Im wahrsten Sinne des Wortes heimlicher Höhepunkt ist ein kleines Flugzeug am samstäglichen Himmel. Blitz und Donner fehlen zwar, aber Veranstalterkollege Lieberberg grüßt in schwarzen Lettern vom graublauen Himmel: "Grüsse vom Ring Still No.1!" Muskelspielchen im Sandkastenformat. Man hat's ja dicke in der Portokasse. Ein Armutszeugnis, Klasse über Masse zu definieren. Dummheit No. 2 folgt sogleich im Gebaren einiger weniger Sicherheitskräfte, die dem drängenden Publikum in nichts nachstehen. Würgegriffe will niemand auf Festivals sehen. Ebenso wenig allerdings Besucher, die blind Sicherheitshinweise und Aufforderungen der Ordner zu ignorieren versuchen. Das alles lässt den Beginn von Audioslave verzögern, Elton verteilt im Fotograben Wasserbecher, und die Band stimmt später "Killing in the Name of" an. Passt wie Arsch auf Eimer! Die Security reagiert insgesamt besonnen, doch macht sich eines deutlich bemerkbar: das Gelände ist für eine Besucherzahl von 60.000 nicht wirklich ausgelegt. Am Abend berichtet ein Mitarbeiter des Ordnungsamts von Anfragen über eine Kapazität von 65.000. Wir mögen es uns nicht vorstellen wollen. Beste Band des Festivals dürfen sich dann die Beatsteaks nennen. Trotz anfänglicher Soundprobleme und mehrfachem unauffälligem Mikrofontausch. Ein Fest, den Berlinern beim Feiern zuzusehen. Da scheint dann sogar für Momente die Sonne, während andere wie Olli Schulz samt Hund Marie von pink strahlenden Regenschirmen einer großen Telekommunikationsgesellschaft beschützt werden müssen. System Of A Down sind Stars von heute und vielleicht bald gestern? Madsen die heimlichen von heute oder vielleicht bald morgen? "Diese Kinder" sind schon jetzt sehr weit zu hören. Der Rest versinkt ein wenig in allgemeiner Sonntagslethargie. Die Party ist vorbei. Da können die Eagles of Death Metal, Queens Of The Stone Age, vollkommen verregnete 3 Doors Down oder Norwegens lauteste Lyriker Madrugada noch so solide Sets hinlegen. Und New Order? Sind alt geworden. Und Die Ärzte? Sind reif und böse geblieben!

Irgendwo am Sonntagmorgen ruft jemand den Satz in sein Telefon. "Wie geht's dir? Wo warst du? Wie war es?" Wir glauben, es war Sex im Spiel, und wünschen dem jungen Glück, dass es sich nicht gegenseitig die Eintrittsbändchen zerrissen hat. Verletzungsgefahren also, wo man hinschaut. Gebrochene Herzen sind da noch die harmlosere Variante. Einige Knochen dagegen habe es böse erwischt, weiß die Statistik. Das alleine auf zu hohe Zuschauerzahlen zu schieben, wäre blind. Vor der eigenen Haustür zu kehren, ist der Beginn jeder fundierten Kritik und Grundlage zivilisierten Handelns. Schon das aber überfordert einige Kids der Generation Playstation. Aufwachen! Crowdsurfing kennt keine Joysticks. Aber das merkt ihr spätestens dann, wenn ihr bei der Landung in die eigenen Scherben fallt. Schlusswort aus dem schon zitierten Weblog: "Ich bin extrem schmutzig und langsam auch traurigerweise sehr nüchtern!" Willkommen zurück. Wir gehen jetzt duschen!

 

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Links:

>> Festival-Info Hurricane 2005 bei POP FRONTAL

>> Homepage Hurricane Festival

>> Weblog mit Hurricane-Erlebnissen

 

I Am Kloot @ Hurricane

New Order @ Hurricane

Audioslave @ Hurricane

Beatsteaks @ Hurricane

Grüsse vom Ring @ Hurricane

Wir sind Helden @ Hurricane

Randszenen @ Hurricane

Randszenen @ Hurricane

Hurricane 2005

 

 

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