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Gesehen! Hurricane Festival 2007 / 22. - 24.06.2007, Scheeßel, Eichenring

Die Wahrheit im geplatzten Eichenring

Text: Karina Henschel/Michael Kellenbenz   Live-Fotos: Michael Kellenbenz

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Ist alles wie immer ganz schrecklich? Der Matsch? Die Zeltnachbarn nebst vollgekotztem Pavillon? Angebliche Osteuropäer auf nächtlichem Raubzug? Hayseed Dixie vs. schlammige WC-Entsorgung? Der Sound? Selbstredend sind es die viel zu früh aufspielenden Indiekapellen wie Karpatenhund oder La Vela Puerca, deren musikalische Politik als die einzig korrekte anzusehen ist? POP FRONTAL begibt sich auf die Suche nach der anderen Wahrheit. Es gibt Statements, die möchte man nach einem Festivalwochenende eigentlich nicht mehr hören. Meist sind es die, deren inhaltlicher Wert in etwa so stark unterfüttert ist, wie eine Klarsichtfolie gegen Starkregen schützt. Versetzen wir uns also hinein in eine unverblümt kritisch, aber gerecht gestimmte Besucherin im gefühlten Hurricane-Durchschnittsalter von 25.

The Arcade Fire

The Arcade Fire

Dass 2007 eine gut abgehangene Mischung aus Alt und Neu werden würde, ist bereits am Freitag klar. Dass Les Rita Mitsouko bis zum finalen "C’est comme ca" kaum einem Besucher Reaktionen entlocken, c’est ca. Dass Menschen zu Snow Patrols Überhymne "Run" Sprints in Richtung Bühne hinlegen, Perry Farrells neues Spielzeug Satellite Party nicht ohne Jane’s Addiction-Cover auskommt, die Cold War Kids das neu mit festem Boden gestaltete Zelt zum Bersten bringen, gehört zum "Erlebnispark Festival" mit allen bekannten Macken. Zu denen nun einmal auch mehr oder minder fester, respektive tiefer Untergrund gehört.

Damon Albarns The Good, The Bad, The Queen stehen irgendwo zwischen "Drecksau, coole" und "Konzert, bestes" über den Dingen. In düsteres Blau getüncht, linkerhand ein Streichersextett, ist die Insel unter den Wolken vor der Bühne nicht mehr fern. Beastie Boys in feinem New Yorker Zwirn. Reise durch zwei Jahrzehnte ihrer Geschichte. "Licensed to Ill", Kopfschütteln, drei weiße Jungs machen HipHop, bis zum heutigen "The Mix-Up". Manchmal klingen die drei, als hätten sie alle alten Songs erst gestern fertig abgemischt. Und gehen nicht weniger zu den Instrumentalkapriolen und Soundkreationen der heutigen Zeit ab. Nur gar nicht so weit von der Bühne entfernt bleibt der Klang ein wenig im Boden stecken. Ähnlich wie einige Besucher kurz vor ihrem Pavillon. Doch das ist ein ganz anderes, feuchtes Thema.

Dass es in der Nacht zum Samstag und weit in den Tag hinein beinahe nur noch regnet, lässt alle Gummistiefellager bis hin nach Hamburg oder Bremen auf Grund laufen. Selbst in der Media-Area geht es kaum ohne, auch wenn hier das eine oder andere Paar Blümchenmodell auffällig sauber bis in den späten Abend vor dem aufgestellten Fernseher verharrt. Paris-Hilton-Syndrom. Dazu wird Schampus aus der Dose gereicht. Nichts Neues bei The Sounds. Virginia Jetzt! auf ausgedehntem Abschied freundlich wie immer. Fotos wiederholen ihren Rhythmus, und Mogwai stehen da wie eine Glasgower Eiche unter kurzzeitigen Sonnenstrahlen. Frank Black noch eben im Anzug und dann bei diversen Auftritten im schlichten Interpol-Shirt vor der Bühne. Modest Mouse stellen sich als Pflichtprogramm unter Beweis, Bright Eyes formten mittlerweile eine richtige Band, fixieren Mädchengedanken dennoch wie gehabt unter die intellektuelle Gürtellinie. The Arcade Fire kämpfen anfangs etwas mit Zeit, Technik und Aufwand, entschädigen aber mit einem strahlenden Auftritt, dem Bloc Party in Sachen Stimmung kaum nachstehen wollen. Incubus dagegen offenbaren, musikalisch wie auch per Draufsicht, mit Botox-Kapseln gedopt zu sein. So glatt, so altbewährt, so langweilig. Großartig hingegen wieder eine Band aus New York! Interpol verzaubern das ausharrende Publikum vor der kleineren Bühne. Der Hang zur perlenden Perfektion begeistert vom ersten bis zum letzten Stück. Aereogramme spielen vorher noch ein brachial feinsinniges "Danke!"-Set zum Abschied.

 

 

Der Sonntag. Unzählige Kubikmeter natürlicher Bodentrockensubstanzen später. Eingedämmter Schlamm, etwas Wind und weitgehend tropfenfreier Himmel bescheren einen versöhnlichen letzten Festivaltag. Howling Bells (ehemals Placebo-Support) eröffnen um Längen weniger spektakulär als wenig später die tatsächlich etwas früh geopferten La Vela Puerca. Während für andere der Tag erst bei den famosen Kings of Leon startet, steckt sich Juliette Lewis einen Hauch von Federschmuck auf den veritablen Kater vom Vorabendgelage. Musikalisch belanglos, verlaufende Schminke und doch eine Performance, die alleine durch Präsenz im Gedächtnis bleibt. Und weiter Schlag auf Schlag unter multiplen Regenbögen am Himmel. Porcupine Tree frickeln im störend Hellen, Sonic Youth bringen Pavements Basser Marc Ibold mit im Gepäck. Mischen als lebende Legende stillstehende Stiltreue, frische Routine sowie Generationskonflikte im Publikum an. Placebo folgen auf der großen Bühne. Die weinerliche Stimme Brian Molkos legt sich über einen Auftritt, der aus der Ferne betrachtet immerhin noch anständiges Popcorn-Kino beschert. Wahre Höhepunkte am Nebentisch. Während Pearl Jam fast die gesamte Menge vor sich vereinen, tobt das Deichkind nur einen Hüpfburgsprung weit entfernt. Geht mehr Kontrast? Eddie Vedder, sagen die Die-Hards, packt eine der schönsten Setlists der bisherigen Europa-Tour aus. Deichkind zerren dagegen nur mal wieder den Wahnsinn ins bunte Licht. Hometrainer und Glitzeranzüge für rund 5000 Wissende. Kein Limit, kein Halten mehr, als dann das "Emanzipierte Bandmitglied", die "Zitze" auf die Bühne gerollt wird. Unter der "Zitze" kann man sich eine abenteuerliche Eigenproduktion vorstellen, die ein bisschen wie ein kleiner Getreidetrichter aussieht. Versehen mit einigen Schläuchen, aus denen die vorderen Reihen sich laben können. "Zitze" beinhaltet einige Liter "Feinste Saufe", soll heißen: Schnaps! Abstand oder Terror? Wer hier noch einmal richtig steil geht, läuft Gefahr, den kommenden Morgen zwischen Kopf- und anderen Schmerzen zu begrüßen.

Hurricane 2007 - im Fazit homogenes Festival mit einem Ende, das sich ganz weit vom Anfang entfernt fühlt. Und apropos "Entfernungen". Trotz der deutlichen Platzerweiterung, die endlich alle drei Bühnenklänge voneinander zu trennen vermochte, bleibt es in Scheeßel bei recht kurzen, wenn auch manchmal tiefen Wegen. Ausgestreckte Hand an wiederkehrende Freunde. Oder doch das Ende der Unschuld im geplatzten Eichenring? Die Wahrheit bleibt wie immer irgendwo da draußen.

 

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Links:

>> Festival-Info Hurricane 2007 (mit Künstlerinfos) bei POP FRONTAL

>> Homepage Hurricane Festival

>> Konzert-Bericht Hurricane/Southside Club Tour 2007 - Part I / München bei POP FRONTAL

>> Festival-Bericht Hurricane 2006 bei POP FRONTAL

>> Festival-Bericht Hurricane 2005 bei POP FRONTAL

 

 

Les Rita Mitsouko

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The Bravery

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Sonic Youth

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Placebo

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