Ist alles wie immer ganz schrecklich? Der Matsch? Die Zeltnachbarn nebst
vollgekotztem Pavillon? Angebliche Osteuropäer auf nächtlichem
Raubzug? Hayseed Dixie vs. schlammige WC-Entsorgung? Der Sound?
Selbstredend sind es die viel zu früh aufspielenden
Indiekapellen wie Karpatenhund oder La Vela Puerca, deren
musikalische Politik als die einzig korrekte anzusehen ist? POP
FRONTAL begibt sich auf die Suche nach der anderen Wahrheit. Es gibt
Statements, die möchte man nach einem Festivalwochenende
eigentlich nicht mehr hören. Meist sind es die, deren
inhaltlicher Wert in etwa so stark unterfüttert ist, wie eine
Klarsichtfolie gegen Starkregen schützt. Versetzen wir uns also
hinein in eine unverblümt kritisch, aber gerecht gestimmte
Besucherin im gefühlten Hurricane-Durchschnittsalter von 25.
The Arcade Fire
Dass 2007 eine gut abgehangene Mischung aus Alt und Neu werden würde,
ist bereits am Freitag klar. Dass Les Rita Mitsouko bis zum
finalen"C’est comme ca" kaum einem Besucher
Reaktionen entlocken, c’est ca. Dass Menschen zu Snow
Patrols Überhymne "Run" Sprints in Richtung
Bühne hinlegen, Perry Farrells neues Spielzeug Satellite
Party nicht ohne Jane’s Addiction-Cover auskommt, die Cold
War Kids das neu mit festem Boden gestaltete Zelt zum Bersten
bringen, gehört zum "Erlebnispark Festival" mit
allen bekannten Macken. Zu denen nun einmal auch mehr oder minder
fester, respektive tiefer Untergrund gehört.
Damon Albarns The Good, The Bad, The Queen stehen irgendwo zwischen
"Drecksau, coole" und "Konzert, bestes" über
den Dingen. In düsteres Blau getüncht, linkerhand ein
Streichersextett, ist die Insel unter den Wolken vor der Bühne
nicht mehr fern. Beastie Boys in feinem New Yorker Zwirn.
Reise durch zwei Jahrzehnte ihrer Geschichte. "Licensed to Ill",
Kopfschütteln, drei weiße Jungs machen HipHop, bis zum
heutigen "The Mix-Up". Manchmal klingen die drei, als
hätten sie alle alten Songs erst gestern fertig abgemischt. Und
gehen nicht weniger zu den Instrumentalkapriolen und Soundkreationen
der heutigen Zeit ab. Nur gar nicht so weit von der Bühne
entfernt bleibt der Klang ein wenig im Boden stecken. Ähnlich
wie einige Besucher kurz vor ihrem Pavillon. Doch das ist ein ganz
anderes, feuchtes Thema.
Dass es in der Nacht zum Samstag und weit in den Tag hinein beinahe nur
noch regnet, lässt alle Gummistiefellager bis hin nach Hamburg
oder Bremen auf Grund laufen. Selbst in der Media-Area geht es kaum
ohne, auch wenn hier das eine oder andere Paar Blümchenmodell
auffällig sauber bis in den späten Abend vor dem
aufgestellten Fernseher verharrt. Paris-Hilton-Syndrom. Dazu wird
Schampus aus der Dose gereicht. Nichts Neues bei The Sounds.
Virginia Jetzt! auf ausgedehntem Abschied freundlich wie
immer. Fotos wiederholen ihren Rhythmus, und Mogwai stehen
da wie eine Glasgower Eiche unter kurzzeitigen Sonnenstrahlen. Frank
Black noch eben im Anzug und dann bei diversen Auftritten im
schlichten Interpol-Shirt vor der Bühne. Modest Mouse stellen
sich als Pflichtprogramm unter Beweis, Bright Eyes formten
mittlerweile eine richtige Band, fixieren Mädchengedanken
dennoch wie gehabt unter die intellektuelle Gürtellinie. TheArcade Fire kämpfen anfangs etwas mit Zeit, Technik und
Aufwand, entschädigen aber mit einem strahlenden Auftritt, dem
Bloc Party in Sachen Stimmung kaum nachstehen wollen. Incubus
dagegen offenbaren, musikalisch wie auch per Draufsicht, mit
Botox-Kapseln gedopt zu sein. So glatt, so altbewährt, so
langweilig. Großartig hingegen wieder eine Band aus New York!
Interpol verzaubern das ausharrende Publikum vor der kleineren
Bühne. Der Hang zur perlenden Perfektion begeistert vom ersten
bis zum letzten Stück. Aereogramme spielen vorher noch
ein brachial feinsinniges "Danke!"-Set zum Abschied.
Der Sonntag. Unzählige Kubikmeter natürlicher
Bodentrockensubstanzen später. Eingedämmter Schlamm, etwas
Wind und weitgehend tropfenfreier Himmel bescheren einen
versöhnlichen letzten Festivaltag. Howling Bells (ehemals
Placebo-Support) eröffnen um Längen weniger spektakulär
als wenig später die tatsächlich etwas früh geopferten
La Vela Puerca. Während für andere der Tag erst bei
den famosen Kings of Leon startet, steckt sich Juliette
Lewis einen Hauch von Federschmuck auf den veritablen Kater vom
Vorabendgelage. Musikalisch belanglos, verlaufende Schminke und doch
eine Performance, die alleine durch Präsenz im Gedächtnis
bleibt. Und weiter Schlag auf Schlag unter multiplen Regenbögen
am Himmel. Porcupine Tree frickeln im störend Hellen,
Sonic Youth bringen Pavements Basser Marc Ibold mit im Gepäck.
Mischen als lebende Legende stillstehende Stiltreue, frische Routine
sowie Generationskonflikte im Publikum an. Placebo folgen auf
der großen Bühne. Die weinerliche Stimme Brian Molkos legt
sich über einen Auftritt, der aus der Ferne betrachtet immerhin
noch anständiges Popcorn-Kino beschert. Wahre Höhepunkte am
Nebentisch. Während Pearl Jam fast die gesamte Menge vor
sich vereinen, tobt das Deichkind nur einen Hüpfburgsprung
weit entfernt. Geht mehr Kontrast? Eddie Vedder, sagen die Die-Hards,
packt eine der schönsten Setlists der bisherigen Europa-Tour
aus. Deichkindzerren dagegen nur mal wieder den Wahnsinn ins
bunte Licht. Hometrainer und Glitzeranzüge für rund 5000
Wissende. Kein Limit, kein Halten mehr, als dann das "Emanzipierte
Bandmitglied", die "Zitze" auf die Bühne
gerollt wird. Unter der "Zitze" kann man sich eine
abenteuerliche Eigenproduktion vorstellen, die ein bisschen wie ein
kleiner Getreidetrichter aussieht. Versehen mit einigen Schläuchen,
aus denen die vorderen Reihen sich laben können. "Zitze"
beinhaltet einige Liter "Feinste Saufe", soll heißen:
Schnaps! Abstand oder Terror? Wer hier noch einmal richtig steil
geht, läuft Gefahr, den kommenden Morgen zwischen Kopf- und
anderen Schmerzen zu begrüßen.
Hurricane 2007 - im Fazit homogenes Festival mit einem Ende, das sich ganz
weit vom Anfang entfernt fühlt. Und apropos "Entfernungen".
Trotz der deutlichen Platzerweiterung, die endlich alle drei
Bühnenklänge voneinander zu trennen vermochte, bleibt es in
Scheeßel bei recht kurzen, wenn auch manchmal tiefen Wegen.
Ausgestreckte Hand an wiederkehrende Freunde. Oder doch das Ende der
Unschuld im geplatzten Eichenring? Die Wahrheit bleibt wie immer
irgendwo da draußen.