Startseite POP FRONTAL

Gesehen! Interpol, Bloc Party / 30.11.2004, Hamburg, Markthalle

Im Dunstkreis der Perfektion

Text/Fotos: Martina Nossek  

>> Zur Foto-Galerie

Dunkel ist's, kein Mond scheint helle. In der Dunkelheit der Nacht nicht von einem Fremden auf der Straße angesprochen zu werden, ist an diesem Abend nahezu unmöglich. Den Weg vom Hamburger Bahnhof bis zur Markthalle säumen dutzende Gestalten mit fragend-flehendem Blick. Der Grund steht schwarz auf weiß vor der Halle: "Interpol ist leider ausverkauft!" Zwei, die es von der Straße weg hinein in die heilige Halle geschafft haben, tragen weißes Hemd und Krawatte. Das ist nicht der Tod jeder Beziehung, sondern abendlichttaugliche interpolare Solidaritätsbekundung. Die beiden spiegeln die Vorliebe der vier Retro-Helden für tadelloses Bühnenoutfit.

Interpol

Doch bevor die Wahl-New-Yorker Soundtüftler hemmungslos aus dem Pool britischer Bands der Achtziger Jahre schöpfen, stellt sich uns eine andere Frage: "Was haben Interpol, Franz Ferdinand, Razorlight und Radio 4 gemeinsam?" Discobeat-Antwort: den Insel-Support Bloc Party. Die neuen Hoffnungsträger aus London sind Karo-Pullunder-Stimme Kele Okereke, Gitarrenjunge-der-80er Russell Lissack, Graphikdesign-Bassist Gordon Moakes und das Tier an den Drums Matt Tong. Kein Aufwärmen, kein langsames Reingrooven, sondern gleich acht Songs volle Power und ganz auf Anschlag. Gefühlte Screaming-Trees-Anleihen, jedoch viel offensichtlicher ist beim herausragenden "Banquet" die frühe Robert-Smith-Affinität zu erkennen. An Spaß und Hingabe fehlt es den vier Zöglingen von Manager Simon White jedenfalls nicht. Kompliment an den Matt-Drum-Beat bei "She's Hearing Voices". Selbstsicher mit viermal Proben die Woche und dem in Dänemark aufgenommenen 16-Track-Album "Silent Alarm", das am 14.02.2005 erscheint, lädt die Queen neben Franz Ferdinand sicher bald zur Bloc Party in den Buckingham-Palast.

"Very british" ist nicht nur der Interpol-Sound des Opener "Next Exit", der die Nebelschwaden bis zu den hinteren und restlos besetzten Fankurven in der Markthalle durchdringt. "Not amused" allerdings die Tatsache, dass die fünf Musiker (Blasco wird für Touren geliehen und bearbeitet ungezügelt die Keys) schon ab der ersten Reihe nur schemenhaft zu erkennen sind. Stattdessen gehen unbarmherzig grelle Blitzlichter auf die Fangemeinde nieder. Das Debüt der stilbewussten Hipster "Turn On The Bright Lights" von 2002 wird unnahbar im Schattendasein zelebriert und zum erhellenden Wunschgedanken des Gesamtsets. Die 1998 zu Interpol formierten Midtwens um Zentralorgan Paul Banks, geben sich optisch nebelumhüllt, reizen jedoch akustisch das Diffuse ihrer Gesamterscheinung schlagkräftig aus. In dieser zwielichtigen Zwischenwelt geben die New Yorker sechs Tracks des 2004-er Albums "Antics" zum Besten, leider ohne "C'mere", und acht ihres Erstlingswerkes von 2002. Liebhaber des experimentelleren Klangereignisses vermissen jedoch Songs wie "Untitled" oder "Obstacle 2". Versunken in eine emotionale "Moodiness", die eher düster als hell ist, orientiert sich die Band auch hinsichtlich ihres tadellosen Kleidungsstils an englischen Vorbildern.

Nichts wird dem Zufall überlassen. Der erklärte Wille heißt Perfektion. Zum straighten Gesamtarrangement gehört der Hut des Gibson-spielenden Blondschopfs Paul und der markante DJ Carlos ultra-tightem Dengler-Style, eine exakte Linie, der vorantreibende Sam Fogarino aus Philadelphia an den Drums, die Gitarren-Perfektion in dynamischer Vollendung mit Daniel Kessler und rohen Smiths-Gitarrenriff-Anleihen vor allem bei "Say Hello To The Angels". Kühler Stolz und wachsende Begeisterung in der Stimme, Trauer im Herzen, nicht überschwänglich und nie gebrochen. Markenzeichen des im englischen Essex geborenen Sängers, der meist seine Gestik hinter den ins Gesicht fallenden Haarsträhnen verbirgt. Anbetungswürdig der Beginn von "Evil" ein Gänsehaut-Garant mit "Rosemary, heaven restores you in life / you are coming with me" und wundersam prächtig die Abschluss-Zugabe mit "Stella Was A Diver".

Interpol beweisen Mut zu atmosphärischem Glanz. Die ersten Akkorde der vierzehn Titel werden von den Fans frenetisch gefeiert, bevor nahezu jeder Song im Dunkel der Halle ausklingt. Trotz der nur knappen Stunde retro-wavigem Soundpotentials werden sich vermutlich beim Zusatztermin am 11.04.05 in der Großen Freiheit noch mehr Anhänger der coolen Darreichungsform in adrettem Outfit wiederfinden und sich beim kühlen Blonden zu Jubelstürmen hinreißen lassen. Zum einen die, die das heute verpasst haben und die, die dabei waren sowieso. Denn eines ist sicher: Die jungen Männer der Charme-Offensive sind dabei, der Rockszene ihren persönlichen Neo-New-Wave-Stempel aufzudrücken, und der Abend bestätigt: "HHC" Hamburg cares / got to be some more change in our life".

 

>> Zur Foto-Galerie

 

Links:

>> Künstlerinfo Interpol bei POP FRONTAL

>> Homepage Interpol

>> Interpol - Antics: Reinhören & Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Bloc Party

 

Interpol

Interpol

Interpol

 

Bloc Party

Bloc Party

 

Interpol: Antics

Interpol - Antics

(Labels / EMI)

 

 

Startseite | Tickets | Konzertsuche: Genres | Konzertsuche: Städte | Konzertsuche: Bands A-Z | Konzertsuche: Festivals |

Magazin | Rundbrief | Live-Tipps | Archiv: Live-Berichte |

Konzerte eintragen | Content-Broking | Impressum | Datenschutz

© POP FRONTAL, 2003-2019; Design by Akupower!