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Getroffen! Interview mit Knarf Rellöm Trinity (Knarf Rellöm, DJ Patex) / März 2007

Interview: Sandra Kriebitzsch / Mikel Plett   

"Wir sind nur so gut wie das Publikum!"

"Wir schreiben das Jahr 2073. Die Vorhersagen des Jazzmusikers und Visionärs Sun Ra sind Wirklichkeit geworden. Dieser hatte auf die Frage, warum er Musik mache, geantwortet: Weil Musik Treibstoff für Raumschiffe ist und weil wir, wenn wir weite Reisen im Weltall unternehmen wollen, sehr viel davon brauchen. Der Planet Erde ist ein Planet der Kategorie Vier, ein so genannter Treibstoffplanet geworden. Die bis vor kurzem regierende Radikale Mitte wurde von der Außerplanetarischen Opposition davon gejagt. Die Studiengebühren wurden abgeschafft!"
Jubel, frenetischer Beifall und lautstarke Zustimmung im gut besuchten Marburger Café Trauma. Mehr als 20 Prozent der Einwohner der kleinen nordhessischen Universitätsstadt sind Studenten. Auf der Bühne hat Knarf Rellöm nur ein verschmitztes Lächeln für das Publikum übrig: "Mann, seid ihr leicht zu haben!"

Knarf Rellöm Trinity

 

Nach dem wegen der Erkrankung Viktor Mareks ausgefallenen Hamburger Konzerts der Knarf Rellöm Trinity scheute POP FRONTAL weder Kosten noch Mühen und schickte einen Berichterstatter in die Stadt mit der ältesten evangelischen Universität. Und soviel vorweg: Ob es nun am Publikum lag oder nicht, dieses Konzert war eines der exzessivsten, überschwänglichsten und schweißtreibendsten Spektakel von Knarf Rellöm, denen der Rezensent bislang beiwohnen durfte. Ein Besuch des >> Hamburger Nachholtermins am 26. April im Hafenklang Exil sei hiermit ausdrücklich empfohlen!

Das Besondere an diesem Abend lässt sich sehr gut in einem einzigen Wort zusammenfassen: Party! Während frühere Marburger Konzerterinnerungen oft von einem desinteressierten Publikum bei tollen Konzerten zeugen, lief an diesem Abend alles ganz anders als erwartet. Vom ersten Beat bis zum finalen Verhallen des letzten Feedbackbrummens tanzte hier alles, was Füße hatte. "LCD is playing at my house", "Einbildung ist auch ne Bildung" oder "Kaufen vor dem Saufhaus" wurden begeistert angenommen, in (Bewegungs-)Energie umgesetzt und zurück auf die Bühne transferiert. Während Viktor Marek am Elektronikpark live ständig neue Samples der liebevoll kostümierten Mitmusiker aufnahm, sie durch sein Chaospad jagte und wieder auf die tanzwütige Meute zurückfeuerte, verausgabten sich DJ Pattex am Bass und Knarf Rellöm an der Gitarre. Ein wahrhaft denkwürdiges Schauspiel.

"Move Your Ass And Your Mind Will Follow" ist die vierte Platte Rellöms. Was er zuvor größtenteils allein bzw. mit Gastmusikern veröffentlichte, lief unter Namen wie "Ladies Love Knarf Rellöm", "Knarf Rellöm ISM" und zuletzt "Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm". Inzwischen hat sich so etwas wie eine Stammbesetzung herausgebildet. Wie schon zuvor auf "Einbildung ist auch ne Bildung" sind wieder Viktor Marek und DJ Patex mit von der Partie. Ein Umstand, dem im aktuellen Namensbestandteil "Trinity" Rechnung getragen wird. Kurz nach der von POP FRONTAL präsentierten Tour trafen wir Knarf Rellöm und DJ Pattex zum Gespräch. Neben der Diskussion über Namensgebung, Einordnung in die Musikszene, Inspirationsquellen, Politik und Humor wurden auch die vorausgegangenen Tourtage resümiert.

 

Das Interview findet etwas spät statt. Eure aktuelle Platte "Move Your Ass And Your Mind Will Follow" ist seit längerem draußen, die Tour ist vorbei. Aber so können wir ein wenig Resümieren...

Knarf Rellöm: Genau. Außerdem nervt mich sowieso, dass Platten so schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Ich finde, wir haben da ein Meisterwerk, das für Jahrzehnte gilt, geschaffen. Ich hab's grad eben noch einmal gehört und fand's ganz toll...

DJ Patex: (lacht) Aber wir machen schon noch weiter Platten, oder?

Knarf Rellöm: Ich weiß nicht, nach den enttäuschenden CD-Verkäufen sollten wir vielleicht nur noch im Internet veröffentlichen.

DJ Patex: Mich stachelt das eher an. Jetzt raushauen, was geht! Den Markt überfluten. (lacht)

 

Ihr habt stets den Namen gewechselt. Auf der neue Platte ist es die Knarf Rellöm Trinity. Wolltet ihr deutlicher herausstellen, dass ihr drei Leute seid bzw. sogar eine dreifaltige, göttliche Einheit?

Knarf Rellöm: Genau, richtig. Und Patex ist auf die tolle Idee gekommen, ein Symbol herzustellen. Wir haben aus einer Darstellung der heiligen Dreifaltigkeit, wo sich Vater, Sohn und heiliger Geist in der Mitte in Gott treffen, einfach die drei Begriffe gestrichen und unsere Namen hereingesetzt. Das Diagramm ist auch auf den Tourplakaten.

POP FRONTAL: Und wer ist der Vater, wer der Sohn und wer der heilige Geist?

DJ Patex: (lacht) Das ist unklar. Wir streiten uns darüber jeden Abend und wechseln täglich die Positionen. Ansonsten sind wir auch noch Raumgleiterpilot, Katzenhund und Tankstellenpächterin.

Knarf Rellöm: In der Story, die der Platte zugrunde liegt, sind die Positionen fest. Ich hatte, als ich mir die Geschichte ausdachte, die Vermutung, dass Viktor mit der Rolle Katzenhund zufrieden ist. Er ist - wie DJ Patex übrigens auch - sehr tierlieb. Beide haben auf der Tour mehrmals gesagt: "Wir wollen ein Haustier haben!"

DJ Patex: Ein Tourtier wäre toll gewesen. Eins, das immer so mitfährt, auf den Backstage aufpasst, treu guckt, immer streichelbar ist. Das wäre auch für die Psyche auf Tour gut.

 

Wie war die Tour? Gab es besonders tolle oder blöde Erlebnisse?

Knarf Rellöm: Positiv haben auf jeden Fall Dresden und Frankfurt herausgestochen, weil wir das erste Mal vor Konzerten von uns Schlangen gesehen haben. Ein Anblick, an den wir uns gerne gewöhnen möchten. Das schmeichelt der Künstlerseele natürlich sehr, wenn Leute verzweifelt sind, weil es keine Karten mehr gibt. Wenig schmeichelhaft war, wie wenig Leute bei dem (wegen der Erkrankung von Viktor Marek) dann abgesagten Konzert in Hamburg waren. An vielen Orten auf Tour sind deutlich mehr Leute gewesen, als wir erwartet haben. Zum Beispiel bin ich mit einer gewissen Hamburger Arroganz nach Jena gefahren und dachte "Da kommen sicher eh wieder nur dieselben 30 Nasen!". Und plötzlich stehen da 90 Leute und wollen Lieder hören, die ich selbst schon fast vergessen hatte. Das macht Spaß.

 

Unterscheidet sich das Publikum eigentlich von Stadt zu Stadt? Gibt es generell ein schwieriges oder einfaches Publikum?

DJ Patex: Wir fahren immer gerne nach Bayern, weil die immer so bierselig sind und man weiß, dass da schon was passieren wird.

Knarf Rellöm: Die werden niemals nur so andächtig dastehen, dass kein Ton aus dem Publikum zu vernehmen ist, wie das manchmal in Norddeutschland ist. Da möchte man sich manchmal fast entschuldigen, dass man gerade eben Lärm gemacht hat.

DJ Patex: Wir sind nur so gut wie das Publikum.

Knarf Rellöm: Genau, das ist auch logisch. Wenn das Publikum einen anschubst, dann wird man zu Hochleistungen gebracht. In Nürnberg standen an der Bühne zehn 18-jährige Mädchen. Die hatten sich sogar extra was überlegt für's Konzert: sie hatten alle beknackte Hüte auf. Sie haben uns ziemlich nach vorne gedrückt, dabei aber immer nach Stücken von der vorletzten Platte gerufen (von der "Einbildung ist auch ne Bildung"). Ich hab dann irgendwann gefragt, ob sie nur die Platte kennen. "Ja, wir ham kein Geld für CDs, wir lassen die uns immer brennen, und das dauert halt ein bisschen." Nach dem Konzert habe ich dann gesagt, sie sollten sich doch jetzt gefälligst mal Platten kaufen. Sie haben dann zusammen gelegt und eine Platte gekauft. Das nächste Mal werden sie auch die neuen Songs drauf haben (lacht). 18-jährige Mädchen sind jedenfalls toller als 40-jährige Männer, die meinen, eh schon alles zu kennen.

 

Ihr habt auf eurer Tour sehr viele Gigs absolviert. Wie motiviert ihr euch, jeden Abend wieder auf die Bühne zu gehen und das gleiche Programm zu spielen?

DJ Patex: Alkohol! (Lachen). Es muss ja gemacht werden. Es ist wie in den Krieg ziehen. (Gelächter) Es ist tatsächlich ein sehr privilegierter Job. Man präsentiert seine Songs gerne und will auf der Bühne stehen. Das Anstrengende sind die 20 Stunden drum herum, dieses "Oh, jetzt schon wieder 300 km fahren und aufbauen".

POP FRONTAL: Ist es das, was man will, wenn man eine Platte gemacht hat: damit endlich auf Tour gehen?

Knarf Rellöm: Ich finde super, dass es die beiden Aspekte gibt. Das eine geht in das andere über. Live machen wir häufig Verlängerungen unserer Stücke, die dann im Studio später zu neuen Songs werden. Bestes Beispiel: "Little Big City". Da haben wir live so ein Noise-Ende rangebaut, das wurde immer länger. Daraus entstand das neue Stück "LCD is playing at my house". Improvisieren ist toll und auch nötig, denn auf der Bühne 20 Tage lang das ewig Gleiche zu spielen, fände ich ganz schön öde. Deswegen auch der Satz "Wir sind nur so gut, wie ihr gut seid". Ihr müsst uns zu etwas tragen, uns dazu bringen, zum Beispiel eine Brücke zu spielen, weil wir merken, "Hey, hier geht was!". Wir finden es gut, wenn jemand im Publikum ist, der auf der Platte dabei war. In Zürich zum Beispiel Big Zis, die ihren Rap-Part live mitgemacht hat. Oder in Köln Thomas, der Sänger von Von Spar, der zwei Stücke von uns zerstört hat (Lachen). Sowas geht natürlich auch mal schief, aber was soll's.

DJ Patex: Es ist komisch, wenn Leute so kleinlich mit ihrer Kunst umgehen. Wenn so etwas nicht sein darf, ihnen ihre Musik so heilig ist, dass sie keine fremde Kraft heranlassen.

Knarf Rellöm: Musik muss Material sein, das bearbeitbar ist. Das macht auch das Tourneeleben aus, Leute zu treffen, die dich auf neue Ideen bringen. Ich habe auf der Tour bestimmt 30 CDs von anderen Leuten bekommen. Nach dem Motto: "Hier guck mal, ich hab auch was Neues gemacht. Hör mal rein."

 

Die Tour ist vorbei. Die Platte ist nun schon eine ganze Weile draußen, Kritikerstimmen sind eingeholt. Habt ihr für euch bereits ein Resümee gezogen für die "Move Your Ass..."-Phase?

Knarf Rellöm: Wir sind enttäuscht über schlechte CD-Verkäufe. Wir sind freudig überrascht, dass uns auf der Tour so viele Leute sehen wollten.

POP FRONTAL: Das Jahr 2006 wurde bei vielen Kritikern als endlich wieder einmal fruchtbares Jahr für deutschsprachige Popmusik der anspruchsvolleren Sorte angesehen. Da werden dann Kante, Die Goldenen Zitronen, Die Sterne, Blumfeld, Jan Delay, Peter Licht, usw. abgefeiert. Ich habe das Gefühl, dass Knarf Rellöm Trinity in einem solchen Kanon immer ein wenig untergeht. Seht ihr das auch so?

Knarf Rellöm: Ja, das ist so. Wir laufen so ein bisschen unter ferner liefen. Aber trotzdem können wir uns nicht beschweren. Alle schreiben über uns und verstehen uns. Um so richtig oben mitzumischen, bräuchte man vielleicht etwas mehr Geld für Anzeigen. Außerdem sitzen wir ein wenig zwischen den Stühlen mit unserem elektronischen Rock. Die Herzschmerz-Indie-Fraktion sagt: "Knarf, die Musik, die Du jetzt machst, die gefällt mir nicht, die groovt zu sehr". Die Elektronik-Fraktion auf der anderen Seite nimmt uns nicht so richtig wahr, weil wir aus dem Indie kommen. Ich hasse übrigens das Wort "Indie".

DJ Patex: Außerdem haben wir viel zu viel Text.

POP FRONTAL: Die Zitronen haben auch ziemlich viel Text. Auch wurde anlässlich der Zitronen-Platte betont, dass das Politische in der Popmusik endlich wieder wichtig sei. In dem Kontext hätte man euch auch anführen können...

Knarf Rellöm: Das ist auch ab und zu gekommen, aber das ist auch etwas Langweiliges. Kaum machen die Goldenen Zitronen wieder eine neue Platte, ist wieder der politische Song in. Das ist doch Quatsch. Vielleicht ist es gut, wenn die CD ausstirbt. Dann kann man als Band die ganze Zeit Musik raushauen und ist nicht immer diesen saisonalen Trends ausgesetzt.

 

Ihr habt eine Weile in Zürich gelebt und seid inzwischen wieder in Hamburg. Man könnte meinen, dass Hamburg für euer künstlerisches Schaffen der Fixpunkt sei. Andererseits finden wir die Textzeile "Ihr meint, wie wären aus Hamburg? Nein, das sind wir nicht." Und ihr seid auf dem Mars in den Charts, nicht auf unserem Planeten.

Knarf Rellöm: Ja, genau, das ist schon programmatisch. Wir sind eher so Beobachter, aber dabei auch gut involviert.

DJ Patex: Wir wehren uns gegen so eine kleinräumige Zuschreibung. Gegen dieses "Das sind die aus Berlin" und "Das sind die aus Hamburg". Und natürlich gegen diesen ganzen deutschsprachigen Popmist.

Knarf Rellöm: Ich fände das Quatsch, wenn unsere Platte mit Tomte und Kettcar in einem Fach stehen würde. Was soll das? Das hat nichts miteinander zu tun.

POP FRONTAL: Mit wem wollte ihr in einem Fach stehen?

Knarf Rellöm: Das kann man beim Song "LCD is playing at my house" hören. Mit Justus Köhnke zum Beispiel und LCD Soundsystem, usw. In der Beziehung sind Städte-Klammern einfach Quatsch. Sind wir typischer Hamburger Sound? Nein.

DJ Patex: Vielleicht gibt es so ein typische Art von Humor hier. Obwohl unser Humor schon anders ist, anders als der von Rocko Schamoni oder so...

Knarf Rellöm: Aber das mit dem Humor ist schon eine ziemliche Falle. Die Missverständnisse, die am häufigsten vorkommen, sind, dass jemand etwas lustig findet, was wir ernst meinen.

DJ Patex: Es gibt einen Unterschied zwischen Humor und Gag. Unsere Musik hat schon Humor. Das möchte ich zumindest.

Knarf Rellöm: Die Erklärung von Humor ist häufig so eine distanzierte à la "Eure Tankstellen-Benzin-Geschichte am Anfang ist ja wenig witzig". Ich habe nichts dagegen, dass man sie humoristisch wahrnimmt. Aber da steckt ebenso eine Ernsthaftigkeit dahinter. Viele Leute sehen entweder nur Ballermann-Humor oder Ernst. Wir hatten ein Gespräch mit Ted Gaier von den Zitronen, der unsere Platte gar nicht mag. Er meint, das seien platte Witze, das sei Otto-Humor. Das regt mich dann auf. Das ist halt sein Problem, weil er ursprünglich aus einer Spaß-Punk-Szene kommt und das gar nicht anders betrachten kann, entweder als platten Kackhumor oder Ernst.

DJ Patex: Im Humor steckt auch immer eine Ernsthaftigkeit.

Knarf Rellöm: Der Ernst bei uns geht in Humor über, weil er übertreibt. Nehmen wir zum Beispiel das Stück "Die Tankstelle am Rande des Planeten". Die Grundlage, diese Story zu schreiben, war ein Satz von Sun Ra: "Ich mache Musik, weil Musik Treibstoff für Raumschiffe ist und weil wir sehr viel davon herstellen müssen." Das ist ein ganz ernsthafter Gedanke. Man kann darin Humor entdecken, weil der Satz ins Absurde getrieben wird. Ich finde es sogar super, darüber zu lachen. Da steckt aber auch drin, dass Ideen wandern. Dass ich gute Musik bei jemand anderem höre, daraufhin auf Ideen gebracht werde und selber Musik mache und hoffentlich andere dadurch auf neue Gedanken kommen. Inspiration! Er setzt Benzin und Inspiration gleich. Das finde ich fantastisch.

POP FRONTAL: Bei dem Weltraum-Motiv von Sun Ra geht es wahrscheinlich auch darum, sich nicht nur auf bekanntem Terrain zu bewegen, sondern über den eigenen Tellerrand zu schauen, ihn zu überspringen...

DJ Patex: ... und darum, nicht so richtig reinzupassen ...

Knarf Rellöm: ... was auch auf uns zutrifft. Wir fühlen uns auch nicht wohl mit der Zuschreibung, Deutsche zu sein. Oder Hamburger. Es macht viel mehr Spaß zu behaupten "Nein, ich bin kein Deutscher. Ich bin vom Mars." Sun Ra hat auch behauptet, er sei nicht schwarz, sondern er komme vom Saturn. "Moment mal, hier ist Rassismus in den USA? Ich soll ein benachteiligter Typ sein? Nee. Is nich! Ich komme nicht von hier. Eure Systeme gehen mich nichts an!" Das ist cool.

DJ Patex: Annehmen und umdrehen.

Knarf Rellöm: Es gibt diese zwei Möglichkeiten. Entweder sich dagegen wehren oder annehmen und umdrehen. Ich finde es wichtig, beides als Möglichkeit des Agierens zu haben.

 

Im eurem Pressetext zur letzten Platte, verfasst von Martin Büsser, steht: "Ist Knarf Rellöm etwa Kommunist? Wenden Sie sich mit diesen Fragen bitte vertrauensvoll an den Künstler selbst." Also: Knarf, bist du Kommunist?

Knarf Rellöm: Hmm, tja (überlegt). Wenn dann Future-Kommunist. Ich weiß auch nicht. Was würdest Du darauf antworten, Patex?

DJ Patex: (überlegt, lacht) Im Prinzip ja. Es bräuchte schon eine Weiterentwicklung. Das ist auch logisch, dass Ideen, die 150 Jahre alt sind, eine Revision benötigen. Den Grundgedanken finde ich nach wie vor richtig.

POP FRONTAL: Im Pressetext steht weiterhin, es ginge darum, "die Linke wieder sexy zu machen". Das bedeutet, dass Linkssein nicht sexy ist oder auch - in euren Worten - "die Verkrampfung schöner" sei. Das erinnert mich ein wenig an die WM 2006, wo jedem, der nicht in den allgemeinen Feierkanon einstimmte, vorgeworfen wurde, er sei eine verbiesterte Spaßbremse. Redet man da nicht diesen Leuten nach dem Mund, wenn man selbst zugibt, die Linke sei nicht sexy oder man sei verkrampft?

Knarf Rellöm: Manchmal ist eben die Verkrampfung schöner. Mir gefallen Menschen, die ein Problem damit haben, Deutsche zu sein, besser, als Leute, die kein Problem damit haben. Auch wenn das eine Verkrampfung ist. Wenn sie in der Beziehung verkrampft sind, sind sie in anderen Beziehungen vielleicht entkrampfter. Sie tanzen womöglich besser. Aber klar, es geht schon um die Entkrampfung der Linken. Guck Dir diese Antiimperialisten und Antideutschen an, die sich wie Hunde ineinander festbeißen.

POP FRONTAL: Wie würde denn so eine tolle Linke aussehen, die wieder sexy ist? Heute wird Politischsein, auch im Pop und im Musikjournalismus, gerne angedeutet. Man ist punktuell ein bisschen politisch, aber eine Position ist eigentlich nicht dahinter zu erkennen...

Knarf Rellöm: Das wäre natürlich schöner, wenn das klarer wäre...

DJ Patex: Man hat immer das Gefühl, das sind Überbleibsel aus alten Tagen, die so mitgezogen werden.

Knarf Rellöm: Ich fänd's schöner, wenn die Linke mehr in der Position wäre, Dinge nach vorne zu treiben. Sie scheint mehr, letzte Bastionen zu verteidigen, wie dieses besetzte Haus in Kopenhagen zum Beispiel. Es ist alles so in der Defensive.

DJ Patex: Es gibt keine Definitionsmacht mehr.

Knarf Rellöm: Genau, es sollte wieder mehr in die Offensive gehen. Dazu gehört auch mehr Sex und mehr Humor. Tanzende Zustände. Wilde Zustände. Ich hab keine konkrete Idee. Ich fänd's schöner, wenn mehr Leute konkrete Ideen hätten, wenn was passieren würde auf der Straße. Konkrete Vorschläge kann man aber von Musik nicht verlangen.

DJ Patex: Das finde ich linkem Denken auch widerstrebend. Es geht darum, Inspiration zu liefern, aber nicht irgendetwas zu predigen.

Knarf Rellöm: Musik hat die Aufgabe, Leuten zu sagen: "Hey, macht was, überlegt euch was!". Das machen wir an der Stelle, an der wir sagen, wir sind nur so gut, wie unser Publikum ist. Macht was mit uns, lasst euch nicht entertainen. Wenn zum Beispiel jemand auf einem Konzert von uns gerne singen möchte, kann er das gerne tun. Wenn wir das scheiße finden, schubsen wir ihn wieder von der Bühne.

 

Stichwort Indierock, der ja bei euch des Hauses verwiesen wird (im Song "LCD is playing at my house"). Die Platte "Ladies Love Knarf Rellöm / Bitte vor R.E.M. einordnen" fällt im weitesten Sinne unter dieses Indie-Singer/Songwriter-Ding. Die späteren Platten sind eher zum Tanzen. Könnt ihr euch vorstellen, so was "Indie-mäßiges" wie auf der "Ladies Love" wieder zu machen?

Knarf Rellöm: Man soll nie "nie" sagen. Aber zur Zeit finde ich das Musikmachen mit Viktor und Patex so toll, dass ich mir das erst mal nicht anders vorstellen kann.

DJ Patex: Man kann keine Platte zweimal machen. Ich könnte mir vorstellen, mit Akustikgitarre etwas ganz Reduziertes zu machen, mit elektronischen Elementen. Erstaunlicherweise sind ganz viele elektronische Beats auf der "Ladies Love", obwohl die Platte so gar nicht rezipiert wurde.

Knarf Rellöm: Die Texte auf der "Ladies Love" sind zum Teil innerlich, das würde ich heute nicht mehr machen. Auf der "Move Your Ass..." ist kein Liebestext drauf...

DJ Patex: ... es gibt Wichtigeres.

Knarf Rellöm: Heute machen wir eher Texte, die sich einmischen wollen.

POP FRONTAL: Knarf, du hast vorhin gesagt, du hasst das Wort "Indie". Was genau stört dich daran? Ist das vor allem diese "Indie-Innerlichkeit", die du ablehnst? Oder kannst du einfach keinen Gitarrenrock mehr hören?

Knarf Rellöm: Das sind ganz viele Punkte. Das ist zum einen diese Innerlichkeit. Mich nervt auch, dass diese Bands zum großen Teil keinen Mut haben und an den ewig gleichen Elementen festhalten. Mich nervt das Festhalten an Schlagzeug, Gitarre, Bass. Ich verstehe nicht, wie man heute Musik ohne Elektronik machen kann. Mich nervt auch, dass niemand mehr weiß, dass "Indie" von "Independent" kommt. Es bedeutete einmal, dass Labels Musik heraus gebracht haben, die von der Industrie nicht gemacht wurde. Weil die Industrie meinte, damit kein Geld verdienen zu können. Damals bedeutete "Indie" noch keine Musikrichtung, sondern einfach, dass alles möglich war. Das war ein fantastischer Augenblick. Heute ist das ein ganz langweiliger Musikstil. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Rolling Stones bald independent wären. Viele sind heute so experimentierunfreudig geworden. In den 70ern haben die schlechten Musiker gesagt, sie machen "irgendwie so Bluesrock", in der 80ern "irgendwie so Jazzrock", und heute sagen sie, sie machen "irgendwie so Indie".

 

Im Stück "LCD is playing in my house" zählt ihr einen Haufen Bands auf. Sind das eure Lieblingsbands?

Knarf Rellöm: Auf den alten Hip-Hop-LPs ist das letzte Stück immer für all die Homies, die man mag und die einen beeinflusst haben. "This goes out to Public Enemy, Boogie Down Productions..." usw. Der Song ist daran angelehnt, und natürlich an "Daft Punk is Playing At My House" von LCD Soundsystem.

POP FRONTAL: Ich würde sagen, drei Viertel der Sachen, die ihr da aufzählt, sind elektronisch...

Knarf Rellöm: Jetzt kann ich nochmal auf das Thema Hamburg zurückkommen. Wir sind hamburgifiziert in dem Sinne, dass wir alle drei im Pudel was machen. Der Pudel ist ein toller Tanzclub geworden, in dem viel elektronische Musik läuft. Das ist schon das, was uns beeinflusst hat. Wir drei sind DJs, und dadurch sind wir sozusagen auf die ganze Sache gekommen.

POP FRONTAL: Ihr referenziert im Kontext der neue Platte viel auf älteres Zeug (Sun Ra, Funkadelic...). Welche Bedeutung haben diese Künstler für euch?

Knarf Rellöm: Es sollte nicht so sein, dass nur alte Musik das Vorbild ist. Bei Sun Ra sage ich jetzt mal was Ketzerisches (Stimme senkt sich konspirativ). Die Musik von Sun Ra finde ich gar nicht so richtig interessant. Ich finde eher spannend, was er sagt. Bei Funkadelic ist es ähnlich. Das macht schon Spaß, die zu hören. Aber habt ihr mal gehört, was die für endlose Gitarren-Soli spielen? Die nerven total. Gerade bei Sun Ra und Funkadelic inspirieren mich eher die Aussagen als die Musik an sich. Von Funkadelic kommt der Satz "Free your mind and your ass will follow", der für die 60er Jahre, auch in einem politischen Sinn, ein fantastischer Spruch war.

 

Bewegung ist immer wieder ein Motiv bei euch. Wohin geht's denn?

Knarf Rellöm: Vielleicht sollten wir nur Vinyl herausbringen und online Stücke veröffentlichen. Dann könnte man neue Stücke machen und sie einfach raushauen. Obwohl es mir immer gut tut, eine Deadline zu haben, fertig werden zu müssen. Wenn die CD stirbt, wie ich vermute, fiele das weg. Keine Ahnung. Man könnte auf Konzerten leere CD-Schuber verteilen, auf denen die Internet-Adresse drauf steht, unter der sich die Leute die Stücke runterladen können. Wie es weiter geht, wissen wir noch nicht. Aber es geht weiter.

 

Wie sind gespannt. Danke für das Gespräch!

Knarf Rellöm: Vielen Dank für das schöne Interview.

POP FRONTAL: Danke Knarf. Für uns war's auch schön.

 

Links:

>> Konzert Knarf Rellöm Trinity @ Hamburg, 26. April 2007

>> Konzerte Knarf Rellöm Trinity bei POP FRONTAL

>> Knarf Rellöm Trinity: Move Your Ass ... - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Knarf Rellöm Trinity

 

Knarf Rellöm Trinity

 

Knarf Rellöm Trinity

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Knarf Rellöm Trinity: Move Your Ass & Your Mind Will Follow

Knarf Rellöm Trinity: Move Your Ass & Your Mind Will Follow

(ZickZack / Indigo)

 

 

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