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Gesehen! Nigel Kennedy & Polish Chamber Orchestra / 22.04.05, Köln, Philharmonie

Rasante Duelle voll flüchtiger Schönheit

Text: Carlo G. Reßler

Violinenkonzerte von Bach und Vivaldi standen auf dem Programm der fast ausverkauften Kölner Philharmonie an diesem Frühlingsabend. Im Grunde nichts Weltbewegendes also, das Besondere jedoch ist der Interpret (samt Orchester) dieser Werke: Der britische Star-Violinenvirtuose Nigel Kennedy inszenierte im ansprechenden Punkoutfit seine "Vivaldi Experience Night" als berauschendes Konzertereignis mit Erinnerungswert. Teufelsgeiger, Original oder Unikum – das sind einige Medienbegriffe für das Faszinierende an Nigel Kennedy, der nun schon seit ca. 25 Jahren für volle Konzertsäle mit begeisterten Fans vom Turnschuh-Rapper, über den Jazz- und Rockfan, bis zum gediegenen Klassikanhänger sorgt. Dazu stehen seine Einspielungen dauerhaft in den Charts ganz oben sowie im Guinness-Buch der Rekorde für über 3 Millionen verkaufter Scheiben seiner Einspielung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten".

Nigel Kennedy

Beim Kölner Konzert mit 5-Tage-Bart, Outdoortretern, geflickter Cargohose samt Palästinensertuch und zerrissenem "Jackett" für ein Klassikkonzert stilgerecht gekleidet, begrüßte er bestens gelaunt das enthusiastische Publikum mit vereinzelten Handküsschen und Victory-Zeichen, bevor er sich samt konventionell-befracktem Orchester daran machte, Bachs Doppelkonzert für Violine und Oboe mit vibrierender Energie neues Leben einzugeigen.

Vollkommen frei, ohne auch nur einen einzigen Blick auf ein Notenblatt werfen zu müssen (!!), zelebrierte Kennedy mit tadelloser Technik, aus der klaren flüchtigen Schönheit des Momentes heraus die Sätze der berühmten Bach-Konzerte. Bereits im a-moll-Violinkonzert von Bach wurde teilweise die Genialität seiner Spielart deutlich: mit geschlossenen Augen ganz nach innen gewandt, spielte er ruhig im Fluss des Stückes und nur belebt durch einzelne zarte Partamenti. Diese Ruhepunkte nutzte er dann, um sich voller Leidenschaft furios in die raschen Sätze hineinzukatapultieren, die unter seinen heftigen rhythmischen Impulsen aufwallen wie brodelnd kochendes Wasser, um nach dieser Entladung mit schroffen Akzenten oft in entspannter Stille zu münden.

Begleitet wurde er bei seinen Interpretationen vom furios aufspielenden 18-köpfigen polnischen Kammerorchester, deren Solisten er humorvoll mit den Namen von Filmstars, wie Commander Ripley, Mr. Bean oder Kill Bill, vorstellte. Sie folgen ihm in den einzelnen Passagen mit großartiger Intensität und Spielfreude, wie selten erlebt. Besonders auffällig war hier gerade im ersten Teil der feinsinnige Tytus Wojnowicz an der Oboe. Nach donnerndem Applaus lässt der Meister sein Publikum dann vor der Pause abstimmen, welchen Satz von Bachs Doppelkonzert sie in welcher Geschwindigkeit noch einmal hören wollen. Den gewählten dritten Satz gab es dann in rasantem Tempo nochmals zu genießen.

Nach der Pause widmeten sich Kennedy und sein Orchester den Konzerten für Violine, Streicher, Oboe und Cembalo von Antonio Vivaldi, dessen Nase wohl dem Prototyp der Concorde Modell gestanden hätte, wie Kennedy grinsend bemerkte. Auch hierbei wechseln die Interpreten oft meisterhaft zwischen ruhigen Passagen und Allegri voll wilder Schubkraft hin zum finalen Exzess. Doch selbst die schnellsten Figurationen und prickelnden Arpeggien poltern keinesfalls konturlos dahin, sondern entfalten überzeugend temperamentvolle Kraft und Fülle. Beim Doppelkonzert für zwei Violinen (RV507) "duellierten" sich dann Kennedy und sein temperamentvoller Primgeiger Jacub Haufa zeitweise mit einer fast unglaublichen Dramatik und faszinierender Schnelligkeit.

Bei einigen Kennedy-Soli wurden Erinnerungen wach an Klaus Kinskis Film über den berüchtigten "Teufelsgeiger" Paganini. Im Gegensatz zu Paganini wirkte auch Nigel Kennedy zwar phasenweise exzentrisch in seiner hingebungsvoll wilden Spiellaune, doch kam er immer wieder ohne zu große Ausschweifungen rechtzeitig gekonnt auf den Punkt zurück. Dazu ließ er dem glänzend aufgelegtem Kammerorchester stets genügend Freiräume für ihr feinfühliges, nuancenreiches Spiel.

Bei dem inklusive Pause und Kennedys manchmal übertriebener Redseligkeit fast dreistündigen Konzert verging für die Zuhörer die Zeit wie im Fluge, und es schien, als könnten sie gar nicht genug bekommen von dem Spiel und Witz dieses genialen Ausnahmemusikers. Nach nichtendenwollenden Standing Ovations setzte Kennedy dann gegen Mitternacht und trotz bereits zerrissener Bogensaiten mit einem schottischen Folkstück und seiner überzeugenden Interpretation des Rockklassikers "Purple Haze" von Altmeister Jimi Hendrix noch das erwartete berühmte Finale!

 

Links:

>> Künstlerinfo Nigel Kennedy bei POP FRONTAL

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Nigel Kennedy

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