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Beim Kölner Konzert mit 5-Tage-Bart, Outdoortretern, geflickter Cargohose
samt Palästinensertuch und zerrissenem "Jackett" für ein Klassikkonzert
stilgerecht gekleidet, begrüßte er bestens gelaunt das enthusiastische
Publikum mit vereinzelten Handküsschen und Victory-Zeichen, bevor er sich
samt konventionell-befracktem Orchester daran machte, Bachs Doppelkonzert für
Violine und Oboe mit vibrierender Energie neues Leben einzugeigen.
Vollkommen frei, ohne auch nur einen einzigen Blick auf ein Notenblatt werfen
zu müssen (!!), zelebrierte Kennedy mit tadelloser Technik, aus der klaren
flüchtigen Schönheit des Momentes heraus die Sätze der berühmten
Bach-Konzerte. Bereits im a-moll-Violinkonzert von Bach wurde teilweise die Genialität
seiner Spielart deutlich: mit geschlossenen Augen ganz nach innen gewandt, spielte
er ruhig im Fluss des Stückes und nur belebt durch einzelne zarte Partamenti.
Diese Ruhepunkte nutzte er dann, um sich voller Leidenschaft furios in die raschen
Sätze hineinzukatapultieren, die unter seinen heftigen rhythmischen Impulsen
aufwallen wie brodelnd kochendes Wasser, um nach dieser Entladung mit schroffen
Akzenten oft in entspannter Stille zu münden.
Begleitet wurde er bei seinen Interpretationen vom furios aufspielenden 18-köpfigen
polnischen Kammerorchester, deren Solisten er humorvoll mit den Namen von Filmstars,
wie Commander Ripley, Mr. Bean oder Kill Bill, vorstellte. Sie folgen ihm in den
einzelnen Passagen mit großartiger Intensität und Spielfreude, wie
selten erlebt. Besonders auffällig war hier gerade im ersten Teil der feinsinnige
Tytus Wojnowicz an der Oboe. Nach donnerndem Applaus lässt der Meister sein
Publikum dann vor der Pause abstimmen, welchen Satz von Bachs Doppelkonzert sie
in welcher Geschwindigkeit noch einmal hören wollen. Den gewählten dritten
Satz gab es dann in rasantem Tempo nochmals zu genießen.
Nach der Pause widmeten sich Kennedy und sein Orchester den Konzerten für
Violine, Streicher, Oboe und Cembalo von Antonio Vivaldi, dessen Nase wohl dem
Prototyp der Concorde Modell gestanden hätte, wie Kennedy grinsend bemerkte.
Auch hierbei wechseln die Interpreten oft meisterhaft zwischen ruhigen Passagen
und Allegri voll wilder Schubkraft hin zum finalen Exzess. Doch selbst die schnellsten
Figurationen und prickelnden Arpeggien poltern keinesfalls konturlos dahin, sondern
entfalten überzeugend temperamentvolle Kraft und Fülle. Beim Doppelkonzert
für zwei Violinen (RV507) "duellierten" sich dann Kennedy und sein
temperamentvoller Primgeiger Jacub Haufa zeitweise mit einer fast unglaublichen
Dramatik und faszinierender Schnelligkeit.
Bei einigen Kennedy-Soli wurden Erinnerungen wach an Klaus Kinskis Film über
den berüchtigten "Teufelsgeiger" Paganini. Im Gegensatz zu Paganini
wirkte auch Nigel Kennedy zwar phasenweise exzentrisch in seiner hingebungsvoll
wilden Spiellaune, doch kam er immer wieder ohne zu große Ausschweifungen
rechtzeitig gekonnt auf den Punkt zurück. Dazu ließ er dem glänzend
aufgelegtem Kammerorchester stets genügend Freiräume für ihr feinfühliges,
nuancenreiches Spiel.
Bei dem inklusive Pause und Kennedys manchmal übertriebener Redseligkeit
fast dreistündigen Konzert verging für die Zuhörer die Zeit wie
im Fluge, und es schien, als könnten sie gar nicht genug bekommen von dem
Spiel und Witz dieses genialen Ausnahmemusikers. Nach nichtendenwollenden Standing
Ovations setzte Kennedy dann gegen Mitternacht und trotz bereits zerrissener Bogensaiten
mit einem schottischen Folkstück und seiner überzeugenden Interpretation
des Rockklassikers "Purple Haze" von Altmeister Jimi Hendrix noch das
erwartete berühmte Finale!
Links:
>> Künstlerinfo Nigel Kennedy bei POP FRONTAL
>> Homepage Nigel Kennedy
>> Nigel Kennedy - The Vivaldi Album Vol. 2: Reinhören und Kaufen bei amazon.de
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