Einladendes Sommerwetter, wunderschöne Naturkulisse und ein Prog-Liveprogramm, das kaum Wünsche offen lässt. Kein Wunder, dass das 6. Night of the Prog Festival in diesem Jahr geradezu magnetische Anziehungskraft auf die teils weit angereisten Fans hat. Auf der Loreley, einer der schönsten Open-Air-Locations Europas, gibt es hoch über dem Rhein zwei Tage die volle Dröhnung und ganz großes Kino mit IQ, Dream Theater, den wiederauferstandenen Eloy, u.a. War das Night of the Prog Festival in den vergangenen Jahren leider meist mäßig besucht, platzt der geschichtsträchtige "Rock of Entertainment" hoch über dem Rheintal vor lauter Besuchern diesmal fast aus der Verankerung.
Dream Theater
Denn allein schon das Line Up des ersten Festivaltages lohnt hier den Besuch. Sky Architect aus Holland überraschen in brütender Nachmittagshitze bei ihrem gelungenen Auftritt mit sehr komplexen Prog-Songs, die an King Crimson oder die Flower Kings erinnern. Bei den anschließend teilweise überaus hart zu Werke gehenden Prog-Metallern von Threshold fällt besonders der mit großem Stimmspektrum gesegnete Frontmann Damian Wilson auf: öfter springt er ins Publikum und singt im Bad der Menge.
In den 10 Jahren seit ihrer Gründung haben sich Riverside aus Warschau einen guten Ruf als geniale Aufsteiger der Neoprog-Szene mit vielen Konzerten erspielt. Neben ihren hörenswerten Alben sind vor allem auch ihre Liveshows ein Erlebnis, bei dem man gerne am Ende die Repeat-Taste drücken möchte. Mit druckvollem Sound, sehnsuchtsschwangeren Gitarrenlinien, wabbernden Keyboards und dem emotionalen Gesang von Sänger und Bassist Mariusz Duda bieten Riverside musikalischen Seelenbalsam - mit genau dem richtigen Gefühl dafür, wann ein Tritt auf’s Gaspedal angezeigt ist. Sehr schön auch der Abschluss ihrer Standing-Ovation-Show auf der Loreley: beim sauber heraus gespielten letzten Zugabenepos "The Curtain Falls" gehen nach und nach die einzelnen Musiker von der Bühne, so dass am Schluss allein Keyboarder Michal Lapaj den Gig unter riesigem Jubel beendet.
Vorhang auf für eine der größten Konzertüberraschungen des Jahres: nach gut dreizehn Jahren Bühnenabstinenz kehren die deutschen Progrock-Urgesteine Eloy zurück ins Rampenlicht. Ihre vielen anwesenden Fans, besonders aus Skandinavien und Holland, strömen spontan in Scharen vor die Bühne, um dieses Ereignis hautnah mitzuerleben. Musikalisch zeigen die Symphonic-Rocker um Mastermind Frank Bornemann genau genommen nichts Neues. Sie zelebrieren ein lang vermisstes Konzerterlebnis und spielen Songs aus den Erfolgsalben ihrer über 40-jährigen Bandgeschichte, eine Zeitreise mit Songs der Scheiben "Dawn", "Colours", "Silent Cries & Mighty Echoes", "Planets" und "Visionary" sowie natürlich dem epochalen Stück "Poseidon’s Creation" vom Megaalbum "Ocean". Melodische, sphärische Keyboardarrangements, komplexe Gitarrenlinien und zum Teil endlos lange, lyrische Songs über das Volk der Eloy in einer fernen Zukunft haben die Band weit über die Landesgrenzen hinaus beliebt und berühmt gemacht. Unterstützt von drei Backgroundsängerinnen und vom hinter der Bühne aufgehenden Mondlicht zusätzlich beleuchtet, bieten Eloy mit stilvoller Lightshow auf dem Loreley-Felsen ein überaus gelungenes Live-Comeback.
Am zweiten Festivaltag hat die einst als Pink Floyd-Coverband gegründete Gruppe RPWL keinen leichten Stand. Fällt ihr Auftritt doch in die Zeit der schwülen Nachmittagshitze, wo sich viele Leute eher mit kühlem Gerstensaft in schattige Ecken zurückziehen, statt vor der Bühne zu schwitzen. Doch die fünf Bayern lassen sich nicht abhalten, trotzdem hervorragende Instrumental-Soli in bester Soundqualität hinzulegen und zwischendurch mit viel Witz und Charme aufzutrumpfen. Besonders die ironische Prog-Hommage "This is not a Prog Song" ist der Gag des Nachmittags schlechthin!
Von bester Soundqualität kann man beim mit Spannung erwarteten, nachfolgenden IQ-Konzert wahrlich nicht sprechen. Ihre "30th Anniversary Tour" steht auf der Loreley unter keinem guten Stern, denn technische Probleme halten fast die ganze Show über an und sind anscheinend nicht ganz in den Griff zu kriegen. Die Band wirkt obendrein eher uninspiriert an diesem schönen Sommerabend. Sänger Peter Nicholls agiert geradezu lustlos, und der Gitarrensound kommt viel zu leise rüber. Nicht mal ihre gesamtmögliche Spielzeit nutzen die fünf Briten voll aus. Und dies alles vor prall gefüllter Location mit großen Erwartungen ihrer vielen Fans. Erstaunlich und sehr schade, denn die Band bot in der Vergangenheit wahrlich schon Gigs zum Niederknien. IQ spielen diesmal ein buntes Potpourie aus 30 Jahren Bandgeschichte, von sphärischen Filmsequenzen auf großer Leinwand passend untermalt.
Soundprobleme haben anscheinend auch die Headliner des Abends. Denn die Techniker von Dream Theater frickeln lange beim Soundcheck herum, so dass die Show arg verspätet beginnt. Irgendwann hat inzwischen auch der letzte Fan seinen Platz vor der satt gefüllten Bühne gefunden, als ein gewaltiges Soundgewitter das Gelände erzittern lässt. Dream Theater spielen laut, unglaublich laut. Abgrundtiefe Basslinien vom Topmann John Myung lassen umgehend Mark und Bein erzittern - oder wie ein Nachbar es treffend ausdrückt: "Hey, da tanzt ja sogar der Magen mit!" Der neue Drummer Mike Mangini steht dem hinter seinem gigantischen Schlagzeug in nichts nach und schlägt so druckvoll auf seine Felle ein, als gelte es einen Preis zu gewinnen. Auch Frontmann James LaBrie ist an diesem Abend wie so oft eine echte Bank und unglaublich gut bei Stimme. Alles in allem ein absolut runder professioneller Auftritt und ein ProgMetal-Konzert allererster Sahne.
Nach dieser Bombast-Show haben die "gottgeweihten" Anathema keinen leichten Stand. Doch nach anfänglichem Soundbrei sind sie genau die richtige Band zur rechten Zeit am rechten Ort. Bei ihrer Gründung vor gut 20 Jahren spielten sie noch düster-harten Doom Metal, irgendwann jedoch widerfuhr den Engländern eine Art Metamorphose, denn seitdem erklingen sie in einem ganz eigenen, oft melancholischen Prog-Alternativerock-Gewand. Von sehenswerter, sattroter Lightshow umgeben ist ihr Loreley-Auftritt an diesem Sommerabend pure Magie im Mondeslicht. Epische Rockballaden voller Anmut, mit langen Keyboardparts, geradlinigen emotionsvollen Gitarrenriffs und sattem Bass. All dies wird getragen vom warmen Gesang der wundervollen Gastsängerin Lee Douglas. Bei Anathema erlebt man Progrock wie eine ruhige, gefühlvolle Ballonfahrt über sattgrüne Auen - und somit den perfekten Ausklang für das 6. Night of the Prog - ein Festival wie es viel besser kaum möglich scheint!