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Gesehen! Tomte / 27.- 31.01.06, Potsdam, Leipzig, Düsseldorf, Hamburg

Buchstaben über dem Land

Text: Michael Kellenbenz, Florian Steglich      Live-Fotos: Michael Kellenbenz

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Beinahe Herzen zerreißend heiser steht Thees Uhlmann auf der bis dato kleinsten Bühne. Hamburgs Plattenladen „Michelle Records“, inmitten unzähliger Konsumtempel gelegen, ist bis in das letzte Regal gefüllt mit neugierigen und schönen Menschen. Vier Stationen der Kräfte zehrenden Tour zum Album-Release hat POP FRONTAL begleitet. "Buchstaben über dem Land" respektive Worte sind definitiv das Letzte, an denen es dieser Tage mangelte.

Tomte

"Buchstaben über Potsdam" inmitten einer wahren Eiswüste. Der Weg in das Waschhaus wird begleitet von klirrender Kälte und Menschen auf Schlittschuhen. Warm dagegen der Empfang. Wer den ausschweifend erzählenden Uhlmann beim Spiel genauer betrachtet, sieht einen Menschen darauf brennen, endlich den Studio-Ballast vieler Monate abzuwerfen. Das Publikum steigt darauf ein, Uhlmann erzählt Anekdoten, wie die vom Hamburger Konzert der Killers, als eben jene kommentarlos nach 2 Songs die Bühne verließen. Fragwürdige Wege, unsterblich zu werden. In der Erinnerung des "Weißt du noch vor 10 Jahren? Tomte in Potsdam…" dürfte dann auch eher Uhlmanns ungebremster Mitteilungsdrang stehen. Der provoziert schon mal ein augenzwinkerndes "Jetzt fang doch endlich an!" im Publikum. 5-sekündige Wortlosigkeit auf der Bühne und "Lebenslangen freien Eintritt auf Tomte-Konzerten!" verdient sich ein anderer derweil mit seiner eingeworfenen Betrachtung über geschwängerte Dreizehnjährige im Rausch der eben von "The Uhl" angeprangerten Alcopops. Das neue Album wird derweil behutsam im Wechsel in die bekannten Songs eingebettet. "Von Gott verbrüht" eröffnet sachte, und mit dem programmatischen "Ich sang die ganze Zeit von dir" gibt es erstmalig Neues auf der Bühne. Viele kennen bereits die Stücke mit profunder Textsicherheit. Das Doppelherz des Albums, bestehend aus "Walter & Gail" und "New York", funktioniert auch live schon hervorragend als neuer Höhepunkt. "Eine sonnige Nacht", "Wilhelm, das war nichts" und das in den Zugaben gegebene "Korn & Sprite" drehen die Uhr etwas zurück bis "Die Geigen bei Wonderful World" nicht ganz unerwartet das Set zunächst beschließen. Im darauf folgenden Tageslicht fällt uns eine Begegnung am Rande der Geschehnisse auf. Wie "Walter & Gail", das unzertrennliche Liebespaar, sitzen zwei warm eingepackte ältere Menschen bei strahlend sonniger Kälte auf einer Bank des Potsdamer "Central-Parks". Sie packen lächelnd etwas zu essen aus und wirken zufrieden. Ohne viele Worte.

Am Samstagabend füllen Tomte im nur wenig wärmeren Leipzig die größte Halle der Tour. Das erste eigene Konzert vor über 1000 Menschen. Das Tour-Gästebuch am Merchandisingstand füllt sich. Die Stimmung ist von Beginn an umwerfend. Selten wurde eine kaum bekannte Vorband so vorbehaltlos gefeiert wie Rogue Wave. Bei Tomte stehen die Reihen dicht, und das Potsdamer Set funktioniert auch hier prächtig. Den Spaß, den die gesamte Band am Auftritt hat, sieht und spürt man. Tomte genießen, was gerade geschieht. Wenn es ans Umziehen gehe, behauptet Uhlmann, sei Leipzig auf einer Stufe mit New York. Wir sind das beste Publikum der Welt? Es ist egal, alles geht durch. Nichts ist zu romantisch, nichts zu pathetisch. Dieses demonstrative Glück lässt die "Pfanne" Werk 2 auf wundersame Weise klein bleiben. Vor den Toiletten hört man ein Telefongespräch: "Sag mal, spielt der Max jetzt bei Tomte? ... Wie komm' ich denn jetzt an den ran? Ja, gib mir mal die Handynummer." Der Andrang vor WC und Tresen ist ansonsten gering. Vorne ist wichtiger, wo das Licht ist und die Töne. "Die Schönheit der Chance", mit einem noch stampfigeren Beat versehen, ist nicht mehr letztes Lied. "Die Geigen bei Wonderful World" durchwärmen wieder die Herzen, bevor der Vorhang fällt. So klingt es, so sind die Texte, wenn sich jemand mit Gott und mit sich selbst geprügelt hat.

 

 

Wer etwas genauer in die "Buchstaben über der Stadt" hinein hört, erfährt schnell die Kurskorrektur Tomtes. Von der kanalisierten Wut hinter den Fenstern, welche sich nun weit geöffnet haben und den Blick auf Neues freigeben. "Was den Himmel erhellt" ist so offensichtlich Antwort auf Wiebuschs "kalte 48 Stunden-Welt" (O-Ton Uhlmann im Dezember 2005 in Köln), wie das ausladend durchstartende "New York" gleichzeitig Liebeserklärung an den gesamten Kosmos als solchen zu sein vermag. Im selben Moment aber zelebriert Uhlmann gerade und genau dort den Frieden mit sich selbst. So mäandert ganz private Reflektion in gleißendem Licht, breitet sich selten erfahrene Ruhe aus. Wie sich eine einzige kurze, zitierte Textzeile kraftvoll zu verwandeln vermag, wie eine ursprüngliche Idee Leonhard Cohens (aus dessen Song "Famous Blue Raincoat") sich in "Sincerely, Thees Uhlmann" wandelt.

Im Zakk in Düsseldorf strecken sich in diesem Moment dutzende Arme in eine Luft voller Optimismus. Alle "Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen" verharren präsent in einer vergangenen Welt. Wesentlich straffer geht es mittlerweile zu. Wer die Band spielen sieht und hört, dem könnten Purple Schulzens "Verliebte Jungs" in den Sinn kommen. Aus einer Zeit, in der die Toten Hosen ihren "Liebesspieler" galoppieren ließen, den Tomte hier am Rhein kurz zitieren. Als Bassist Oli Koch kurz vor Ende des Konzertes aus dem Publikum aufgefordert wird, mehr von dem bereit gestellten Bier zu trinken, spinnen sie gleich einen formidabel improvisierten Song aus dem Zwischenruf. Darauf "Die Schönheit der Chance". Ohne Worte! Wenige Augenblicke später die Quintessenz. Das sprudelnd verliebte, Fleisch gewordene Lebenselixier Uhlmann nach dem akustischen Schlussakkord "Das war Ich". Die Arme fast entschuldigend ausbreitend: "Popmusik ist eine demokratische Angelegenheit. Aber, hey! Wer, wenn nicht wir?!"

 

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Links:

>> Künstlerinfo Tomte bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Tomte @ Platenlaase (02.06.05) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Thees Uhlmann @ Köln (17.12.05) bei POP FRONTAL

>> Homepage Tomte

>> Tomte: Buchstaben über der Stadt - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

 

Tomte

 

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Tomte: Buchstaben über der Stadt

Tomte: Buchstaben über der Stadt

(Grand Hotel Van Cleef / Indigo)

 

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