Beinahe Herzen zerreißend heiser steht Thees Uhlmann auf der bis dato kleinsten Bühne.
Hamburgs Plattenladen „Michelle Records“, inmitten unzähliger Konsumtempel gelegen,
ist bis in das letzte Regal gefüllt mit neugierigen und schönen Menschen. Vier
Stationen der Kräfte zehrenden Tour zum Album-Release hat POP FRONTAL begleitet. "Buchstaben
über dem Land" respektive Worte sind definitiv das Letzte, an denen es dieser Tage mangelte.
"Buchstaben über Potsdam" inmitten einer wahren Eiswüste. Der Weg
in das Waschhaus wird begleitet von klirrender Kälte und
Menschen auf Schlittschuhen. Warm dagegen der Empfang. Wer den
ausschweifend erzählenden Uhlmann beim Spiel genauer betrachtet,
sieht einen Menschen darauf brennen, endlich den Studio-Ballast
vieler Monate abzuwerfen. Das Publikum steigt darauf ein, Uhlmann
erzählt Anekdoten, wie die vom Hamburger Konzert der Killers,
als eben jene kommentarlos nach 2 Songs die Bühne verließen.
Fragwürdige Wege, unsterblich zu werden. In der Erinnerung des
"Weißt du noch vor 10 Jahren? Tomte in Potsdam…"
dürfte dann auch eher Uhlmanns ungebremster Mitteilungsdrang
stehen. Der provoziert schon mal ein augenzwinkerndes "Jetzt
fang doch endlich an!" im Publikum. 5-sekündige
Wortlosigkeit auf der Bühne und "Lebenslangen
freien Eintritt auf Tomte-Konzerten!" verdient sich ein anderer
derweil mit seiner eingeworfenen Betrachtung über geschwängerte
Dreizehnjährige im Rausch der eben von "The Uhl"
angeprangerten Alcopops. Das neue Album wird derweil behutsam im
Wechsel in die bekannten Songs eingebettet. "Von Gott verbrüht"
eröffnet sachte, und mit dem programmatischen "Ich sang
die ganze Zeit von dir" gibt es erstmalig Neues auf der Bühne.
Viele kennen bereits die Stücke mit profunder
Textsicherheit. Das Doppelherz des Albums, bestehend aus "Walter
& Gail" und "New York", funktioniert auch live
schon hervorragend als neuer Höhepunkt. "Eine sonnige
Nacht", "Wilhelm, das war nichts" und das in den
Zugaben gegebene "Korn & Sprite" drehen die Uhr etwas
zurück bis "Die Geigen bei Wonderful World" nicht
ganz unerwartet das Set zunächst beschließen. Im darauf
folgenden Tageslicht fällt uns eine Begegnung am Rande der
Geschehnisse auf. Wie "Walter & Gail", das
unzertrennliche Liebespaar, sitzen zwei warm eingepackte ältere
Menschen bei strahlend sonniger Kälte auf einer Bank des
Potsdamer "Central-Parks". Sie packen lächelnd etwas
zu essen aus und wirken zufrieden. Ohne viele Worte.
Am Samstagabend füllen Tomte im nur wenig wärmeren Leipzig die größte Halle der
Tour. Das erste eigene Konzert vor über 1000 Menschen. Das
Tour-Gästebuch am Merchandisingstand füllt sich. Die
Stimmung ist von Beginn an umwerfend. Selten wurde eine kaum bekannte
Vorband so vorbehaltlos gefeiert wie Rogue Wave. Bei Tomte stehen die
Reihen dicht, und das Potsdamer Set funktioniert auch hier prächtig.
Den Spaß, den die gesamte Band am Auftritt hat, sieht und spürt
man. Tomte genießen, was gerade geschieht. Wenn es ans Umziehen
gehe, behauptet Uhlmann, sei Leipzig auf einer Stufe mit New York.
Wir sind das beste Publikum der Welt? Es ist egal, alles geht durch.
Nichts ist zu romantisch, nichts zu pathetisch. Dieses demonstrative
Glück lässt die "Pfanne" Werk 2 auf wundersame
Weise klein bleiben. Vor den Toiletten hört man ein
Telefongespräch: "Sag mal, spielt der Max jetzt bei Tomte?
... Wie komm' ich denn jetzt an den ran? Ja, gib mir mal die
Handynummer." Der Andrang vor WC und Tresen ist ansonsten
gering. Vorne ist wichtiger, wo das Licht ist und die Töne. "Die
Schönheit der Chance", mit einem noch stampfigeren Beat
versehen, ist nicht mehr letztes Lied. "Die Geigen bei Wonderful
World" durchwärmen wieder die Herzen, bevor der Vorhang
fällt. So klingt es, so sind die Texte, wenn sich jemand mit
Gott und mit sich selbst geprügelt hat.
Wer etwas genauer in die "Buchstaben über der Stadt" hinein hört,
erfährt schnell die Kurskorrektur Tomtes. Von der kanalisierten
Wut hinter den Fenstern, welche sich nun weit geöffnet haben und
den Blick auf Neues freigeben. "Was den Himmel erhellt"
ist so offensichtlich Antwort auf Wiebuschs "kalte 48
Stunden-Welt" (O-Ton Uhlmann im Dezember 2005 in Köln),
wie das ausladend durchstartende "New York" gleichzeitig
Liebeserklärung an den gesamten Kosmos als solchen zu sein
vermag. Im selben Moment aber zelebriert Uhlmann gerade und genau
dort den Frieden mit sich selbst. So mäandert ganz private
Reflektion in gleißendem Licht, breitet sich selten erfahrene
Ruhe aus. Wie sich eine einzige kurze, zitierte Textzeile kraftvoll
zu verwandeln vermag, wie eine ursprüngliche Idee Leonhard
Cohens (aus dessen Song "Famous Blue Raincoat") sich
in "Sincerely, Thees Uhlmann" wandelt.
Im Zakk in Düsseldorf strecken sich in
diesem Moment dutzende Arme in eine Luft voller Optimismus. Alle
"Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen" verharren
präsent in einer vergangenen Welt. Wesentlich straffer geht es
mittlerweile zu. Wer die Band spielen sieht und hört, dem
könnten Purple Schulzens "Verliebte Jungs" in den
Sinn kommen. Aus einer Zeit, in der die Toten Hosen ihren
"Liebesspieler" galoppieren ließen, den Tomte hier
am Rhein kurz zitieren. Als Bassist Oli Koch kurz vor Ende des
Konzertes aus dem Publikum aufgefordert wird, mehr von dem bereit
gestellten Bier zu trinken, spinnen sie gleich einen formidabel
improvisierten Song aus dem Zwischenruf. Darauf "Die Schönheit
der Chance". Ohne Worte! Wenige Augenblicke später die
Quintessenz. Das sprudelnd verliebte, Fleisch gewordene Lebenselixier
Uhlmann nach dem akustischen Schlussakkord "Das war Ich".
Die Arme fast entschuldigend ausbreitend: "Popmusik ist eine
demokratische Angelegenheit. Aber, hey! Wer, wenn nicht wir?!"