Text: Michael Kellenbenz Live-Fotos: Sebastian Madej
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Der Schnee knirscht hart unter den festen Schuhen in Husum an diesem frühen Abend. Ungemütliche Saukälte im zweistelligen Bereich. Die Natur greift halt an. Feierabendstimmung auf den Straßen. Abschied und Wiedersehen kumulieren aber wohl nirgends so komprimiert, wie in einem alten, umgebauten Speicher direkt am Hafen, der jetzt ein kleines Kulturzentrum beherbergt. Vierkanttretlager sind in ihrer Heimat viel früher und mit noch viel mehr verkauften Platten zurück, als jemals gedacht. Und das eigentlich noch, bevor sie richtig weg waren.
Wir fassen zusammen: Noch vor nicht sehr langer Zeit suchte die Gruppe um Sänger und Lyriker Max Leßmann noch die richtigen Zugänge zur Abiturprüfung. Ein paar gefühlte Monate und einen Beinbruch später steht das Album in der "Visions" auf Rang zwei der "Schönheiten des Monats", füllt das Interesse eine ganze Heft-Homestory, ist eine Support-Tour mit Casper absolviert. Nicht zuletzt entdeckt der gesamte unterkühlte Nachwuchs-Indie-Feuilleton Vierkanttretlager für sich. "Die Natur greift an", Bestandsaufnahme zwischen letztem Pickel, eigenem Quantensprung und Berufsleben, zwischen entfremdeter Heimat und verfremdeten Visionen, verbreitet sich, als müsse es einen ganzen Windpark antreiben.
200 Menschen im vollbesetzten Speicher teilen dieses spezielle Wiedersehen und sich selbst. Vorne im Licht natürlich alle Mädchen um die 18. Wie Orgelpfeifen wachsen Größe und Alter Reihe für Reihe nach hinten bis zu den stolz blickenden Vätern und abwartenden Schullehrern irgendwo im Halbdunkel. Die Erwartungshaltung im Raum scheint gleichzeitig durchkreuzt von einem Wellenbrecher, der seine Grenzen irgendwo zwischen ehrlichem Glück und Furcht vor der Undankbarkeit ihrer ehemaligen Sprösslinge zieht. An einer der Wände haben Schiffsbauer den Schriftzug "Vierkanttretlager" in großen metallenen Lettern an die Wand genagelt. Über Holzträgern hängen dicke, nasse Kleinstadt-Klamotten wie schwere Hypotheken.
Die Gästeliste in der Heimat bleibt übrigens sympathisch klein. Niemand soll sich bevorzugt fühlen oder abgelehnt. Für faire sieben Euro sind Vierkanttretlager für alle da. Dem Glatteis des Opportunismus ist man so jedenfalls geschickt entkommen. Mit Sicherheit auf der Liste steht aber wohl die tief in ihren achtzig Lebensjahren verwurzelte Großmutter am Rand des Raumes. Turbostaats "Insel (Husum, verdammt!)" bereitet dann als Intro vielen Anwesenden die richtige Gänsehaut für die folgende Stunde. Sänger Max Leßmann steht derweil unmittelbar vor dem Auftritt deutlich mehr Nervosität ins Gesicht geschrieben, als er während des Konzertes auch nur ansatzweise zeigen wird. "Drei Mühlen" eröffnet gegen 21 Uhr den Abend, wie auch schon das Album seit Ende Januar. Dessen letzte Vinyl-Pressung wird die Band im maritim-urbanen Look später noch für 100 EUR an einen der anwesenden Erzeuger versteigern.
Am Ende gerät die Stunde Konzert zum Spagat. Leßmann gibt moderat doch eher die Rolle des dankbaren, wenn auch streitbaren Sohnes der Stadt. Wirklich angegriffen scheinen nur seine Stimmbänder an diesem Abend, so dass man ihm vor lauter Mitgefühl Tee in großen Behältern reichen möchte. Apropos Tee: Die Peter Sarstedt-Coverversion "Where do you go to my lovely" aus dem Film "The Darjeeling Limited" bereitet den Weg als "Wo gehst du heute Nacht hin" für weitere Ausflüge. Element of Crimes "Am Ende denk ich immer nur an Dich" wird dabei allerdings halbakustisch in den tiefsten Punkt des Sandstrandes gesetzt oder hätte alternativ erst morgens um drei Uhr an der Karaoke-Bar nach reichlich Rum die Reifeprüfung bestanden. Coldplays "Viva La Vida" kommt dagegen auf Deutsch als durchaus nennenswerte Interpretation rüber und bleibt auch Vierkant-Neulingen im Ohr. Schmerzlich vermisst wird allerdings mit "Hooligans" eines der zentralen Ereignisse auf dem Album.
Der Schnee knirscht am späteren Abend noch etwas härter unter den Schuhen. Doch Vierkanttretlager sind offenbar als Vermittler gekommen und nicht zwecks Abrechnung oder gar Erbsenzählerei. Sie haben sich, so pathetisch das klingen mag, an einem warmen Ort in dieser eiskalten Kulisse versöhnlich freigeschwommen, Respekt verschafft und Herzen erreicht. An anderen Orten klang das alles bisher sicherlich deutlich entfernter vom Heimathafen. Der weggeworfene Schlüssel aus "Schluss aus raus" ist also doch nicht gänzlich im Hafenbecken versunken, sondern passt noch ins eigene Zeitschloss. Eine halbe Stunde nach Ende sind es dann tatsächlich die älteren Semester in der Nähe des Tresens, die aus vollem Halse und verzückt ob ihrer Brut ein paar Lieder singen. Auch wenn diese schrägen Melodien sich im Moment noch seltsam verdächtig nach Coldplay und Element of Crime anhören.