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Gesehen! 15. Wacken Open Air / Wacken, Festivalgelände auf der Wiese, 2.Tag: 06.08.04

Knobibrot, Blut und Spiele

Text: Klaus Reckert     Fotos: Stephan Kunze

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Weiterhin bestmöglichstes Festivalwetter trieb die Popfrontal-Ü-Wagen-Mannschaft am zweiten Tag recht früh aus dem kurz vor der Verflüssigung zu stehen scheinenden Frühbeet, das uns als Zelt diente. Was neben dem vorgeschriebenen Metal-Frühstück auch noch Zeit ließ, an den schier zahllosen Merchandize-, Fress- und sonstigen Ständen des Geländes vorbeizuschlendern. Dieses Jahr scheinen u.a. Band-Shirts in Kindergrößen der Renner zu sein, aber auch zeitlose Gebrauchsgegenstände wie Wollmützen mit Hörnerwärmern registriert das Standbummelauge wohlgefällig.

Mayhem @ Wacken Open Air

Mayhem

Dezent untermalt wurden die Verkaufsverhandlungen an den Ständen inzwischen schon von den Klängen der niederländischen Waisenknaben Orphanage. Ihre Melange aus Gothic und Death Metal wäre ganz sicher noch besser eingegangen und hätte uns vor die Black Stage gezogen, wenn da nicht neben Georgs Grunzen noch Rosans Engelspiepsstimmchen immer dazwischen wäre. Auch der Techno-Metal von Mnemic zerrt uns nicht gerade an den Ohren aus dem Basar-Treiben.

Wohl aber das orchestrale Intro zum Paragon-Auftritt, da diese Bandeinspielung inklusive Rezitation wirklich majestätisch bis geheimnisvoll rüberkommt – bis dann der eigentliche Powermetal der Formation losgaloppelt und mal wieder an Running Wild denken lässt. Stücke wie "Law Of The Blade" vom gleichnamigen Album kommen bei den Frühaufstehern oder nie Schlafenden unter dem Publikum aber sichtlich gut an.

Eine der lautesten Bands des Festivals, das fast durchgängig mit kristallklarem Sound glänzte, waren ausgerechnet Raunchy. Das dänische Sextett gefiel jedoch mit einer durch Keyboard(-Loops) erweiterte Fassung von modernem Metal à la Fear Factory.

Gar keinen Zugang fand unsereinerwelcher ausgerechnet zu den von Konserve hochgeschätzten Cathedral. Was auf Scheiben wie "Seventh Coming" noch wie Lehrstunden in "Doom goes Stoner" erschien, wurde live von Cathedralenhausmeister Lee Dorian mit dezentem Gerappe versehen, was das Wiedererkennen von Stücken wie "Congregation Of Sorcerers", "Stained Class Horizon" oder "Hopkins (The Witchfinder General)" erschwerte. Aber vielleicht vertrug sich auch nur der gleißend-helle Mittag nicht mit den dunkel dahinrollenden Cathedral-Riffs, die etwa bei "Ice Cold Man" zweistimmig von Bass und einer wunderschönen Gibson SG ausgeführt wurden.

Bei einem der persönlich als Höhepunkt gewerteten Auftritte, dem nun folgenden von Arch Enemy, tat sich zunächst publikumstechnisch leider immer noch relativ wenig vor der Black Stage. Besonders interessant ist der Kontrast zwischen den oft enorm melodischen zweistimmigen Leads der Gebrüder Amott und den Urschreien von Michael Amotts Partnerin Angela Gossow. Die Erzsympathen vermittelten vom ersten Takt an das Gefühl, hier wieder gut machen zu wollen, dass sie vor zwei Jahren das W:O:A hatten absagen mussten. Um dem bei Hämmern wie "We Will Rise" endlich zahlreicher zuströmenden Publikum nur ja die vollstmögliche Bedienung zu gewähren, ließ man fast alle Stücke direkt ineinander übergehen. Die Crowdsurfer ließen sich's gerne gefallen und setzten zu Höhenflügen an. Ein rundum überzeugender, so dynamischer wie musikalisch hochstehender Auftritt.

Und es wurde immer noch heißer, wenn sich auch gelegentlich dazu mal ein Lüftchen bewegte. Bei klimatischen Bedingungen, wie sie ein Grillhähnchen im Umluftofen vorfinden mag, fanden wir von Brainstorm wirklich nur das witzige Neil-Diamond-Intro berichtenswert. Galt es ja auch die Kräfte für die erste Band zu schonen, die etwas aus dem dieses Jahr enorm gleichförmig auf Mainstream-Metal setzende W:O:A-Billing abstach (obwohl die auch '99 schon da waren): Mayhem.

Black-Metal-Oberpriester Maniac lieferte die von unseren norwegischen Grabschändern schon gewohnte Live-Barbecue-Show, die im wesentlichen daraus bestand, eine Garnitur Schweineköpfe erst anzuflämmen, dann zu umzingeln, mit seinem beachtlich langen Lappen zu bezüngeln, hernach aufzuspießen (wobei er sich genüsslich mit Blut betropfen ließ) und mit großer Geste in den Fotograben zu befördern. Die von Necrobutcher Hellhammer (live ein technisch auffallend guter Schlagwerker) und Blasphemer dazu unterlegte Musik war zweckdienlich, aber relativ gleichförmig und statisch, jedenfalls keinesfalls so sensationell oder "evil", wie die rituellen Handlungen des Frontmannes wirken sollten. Das Bühnenbild der Kirchenverbrenner – eine Mischung aus Laubsägearbeiten und Metzgerei – bot jedenfalls mal eine willkommene Abwechslung vom sonstigen Einerlei auf der Black Stage. Zu Stücken wie "Carnage" (von "Dawn Of The Black Hearts"), "Dark Night Of The Soul" (von "Chimera"), "Ancient Skin" (von der gleichnamigen MCD) oder "View From Nihil" (von Grand Declaration Of War") konnte man also hochvergnüglich – ein Knobibrot knuspernd – beim blutigen Schlachtfest des zwischen Charisma und Albernheit hin und her oszillierenden Maniac zuschauen. Die nordischen Nachtgewächse litten dabei allerdings sichtlich unter der Hitze und bemitleideten auch das Publikum: "Fuck the heat, fuck the sun". Dennoch war der Mayhem-Sänger nach dem Gig noch viele Stunden lang mitten unter uns im Backstage-Bereich, mit Corpsepaint und verbundener Pranke, da er sich beim Döneranrichten auf der Bühne entweder mit der Fleischergabel verletzt oder verbrannt hatte, aber jedenfalls für jeden anzuschauen und zu sprechen. Wie überhaupt viele der Stars sich dieses Jahr gerne unters schreibende Volk mischten: beispielsweise Mike Terrana (u.a. Rage, Axel Rudi Pell) war sozusagen mehrtägig ein fast unvermeidbarer Anblick und Gesprächspartner rund ums Pressezelt.

Later that same evening: Zu den Klängen von Grave Diggers "Heavy Metal Breakdown", die von der True Metal Stage bis auf den Pressezeltplatz herüberwehten, brach bei unseren italienischen Hering-Nachbarn das Original W:O:A-Merchandize-Zelt zusammen. Diese Spielzeuge sahen zwar hübsch aus, waren aber dem gerade auf"frischenden" Wüstenwind offensichtlich nicht gewachsen. Not for heavy (metal) duty usage... So bekam unsereiner aber immerhin noch etwas von Kotipeltos Quengelgesang aus der Oper "Is there live after Stratovarius" mit – "Save Our Souls" spielte er aber immer noch...

Mit dem nicht völlig unpassenden Hymnus "King Of Rock'n Roll" hob nun eine Wacken-Show von Dio an, die zu begeistern imstande war, selbst wenn man auch das schon ein paar Mal hatte und es fast die zehnte Band des Tages war. Warum? Es muss etwas mit dem totalen Einsatz und daraus resultierender großer Glaubwürdigkeit des kleinen Mannes mit der Riesenstimme zu tun haben, der sich überdies durch besonders freundlichen Umgang mit seinem Publikum hervortat, es anfeuerte, aber auch belobigte und sich bei ihm bedankte, wie sonst kaum eine(r). Die Setlist bot alles auf, von uralten Rainbow-Lichtspielen über Black Sabbath-Nummern bis hin zu noch unveröffentlichtem Dio-Material: "Sign Of The Southern Cross" ertönte passend zum blutorangenroten Sonnenuntergang, "Stargazer" bot allen Spätgeborenen die Chance, noch einmal Rainbow in schönster Leidenschaft erleben zu können, an "Stand Up And Shout" missfiel eigentlich nur das ermüdende Drumsolo inklusive Orchestereinspielungen vom Band (das mal wieder schmerzlich an den Verlust Cozy Powells erinnerte), "Don't Talk To Strangers" konnte man selten so dramatisch dargebracht hören, der Midtempo-Stampfer "The Eyes" vom Ende August erscheinenden neuen Dio-Rundling "Master Of The Moon" veranlasste die Wackentausende zu spontanem Mitsingen auch noch nach Ende des Stückes, was wiederum Ronnie James D. sichtlich rührte. Mit "Rainbow In The Dark", dem langsam genommenen Medley aus "Man On The Silver Mountain" (einschließlich "Long Live Rock'n Roll" und "Rock'n Roll Children"), "Gates Of Babylon" und natürlich "Holy Diver" konnte ja gar nichts mehr schief gehen. Warum genau ausgerechnet Joey De Maio von Manowar im Verlauf dieser Feierlichkeiten noch auf die Bühne turnen und Dios Metalverdienste mit einer Art Ehrenplakette in Straßenschildgröße ehren durfte, ist nicht ersichtlich, störte aber bei diesem Prachtauftritt von vorne bis hinten auch kein bisschen mehr.

Szenenwechsel, aber total: Eläkeläiset kann man denen, die diese Finnen noch nicht erlebt haben, vielleicht am ehesten als Aki-Kaurismäkki-Metal beschreiben: Ein Trupp älterer, deutliche Abnutzungserscheinungen zeigende Männer sitzt in einer Reihe am vorderen Bühnenrand, die vor sich – in absteigender Wichtigkeit – eindruckerweckende Mengen Alkoholes, Zigaretten und diverse, nach Pfandleihhaus aussehende Instrumente stehen haben... Aus diesen Reihen erheben sich dann Humppa-Weisen (die finnische Variante der Polka) einschließlich einiger Coverversionen berühmter Metal-Stücke, die auf uns wie "Finntroll, die nicht rocken" wirkten, aber zugegeben beim Publikum spontane Polonäisen und (wirklich eindruckerweckend) frenetisches Mitsingen hervorrufen.

Zum ersten Mal störte beim Schunkelgenuss vor der Party Stage die ungleich lautere Darbietung von Destruction auf der Black Stage. Also schnell mal hingeschlendert, noch rechtzeitig zu Schmiers Anti-Globalisierungsansage zum neuen Song "The Revenue Pays" (oder ähnlich) vom kommenden Album, aber auch zu Klassikern wie "Thrash Till Death".

Abermals eine 180-Grad Kehre stand jenen bevor, die nun zu der – während des Umbaus mit Vorhängen verhängte - True Metal Stage auf Doro mit ihrem "Metal Classic Night Orchestra" umschwenkten. Eine vielköpfige Auswahl aus dem Düsseldorfer Symphonie-Orchester intonierte zum Auftakt Maidens "Fear Of The Dark", wozu Deutschlands Rockblondine No. 1 keinen Geringeren als Blaze Bailey (ex Iron Maiden) als Duettpartner auf der Bühne begrüßen durfte. Udo Dirkschneider (ex-Accept, U.D.O.) war verhindert, so dass Judas Priests "Breaking The Law" ohne ihn übers Knie gebrochen werden musste. Doch für’s hymnische "Für Immer" erklomm wirklich Chris Caffery (Savatage) die Wackenbühnenbohlen, so dass alles in allem ein deutlicher Ausblick auf das angekündigte ""Classic Diamonds"-Album geboten wurde. Wer auch die sich nun anschließende dreißigminütige Umbaupause noch durchlitt, wurde mit einem in dieser Form einmaligen Warlock-Reunion-Konzert in ursprünglicher ('86er) Besetzung belohnt – auch ein Resultat von Doros Geburtstags-Gig in Düsseldorf. Für manchen war das die schmerzliche Krönung von sowieso schon viel zu viel unbedarftem Hosenkneifer-Metal am Festival-Freitag, andere vergossen bei gaaanz altem Stoff wie "Burning The Witches" heiße Freudenzähren.

Nur noch ein Zehntel des Publikumsaufkommens, das sich Doro gegeben hatte, hielt bis zu Amon Amarth durch. Selber schuld, denn die Death Metal-Ausbrüche der Wikinger um den tobenden Rübezahl Johan Hegg erschienen durchaus als ohrenreinigende Wohltat nach soviel Posermucke. Mit den Klängen von "For The Scabwounds In Our Backs" ließ es sich dann auch ganz gut in die Horizontale gleiten.

 

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>> Zum Festivalbericht, 3. Tag: Samstag, 07.08.2004

 

Links:

>> Homepage Wacken Open Air mit Running Order und Band-Page-Links

>> Rezension (30.08.04): Dio - Master Of The Moon

>> Meldung 10.08.04: Eintritt frei: Doro spielt unplugged in Hamburg

>> Meldung 08.12.03: Für immer Doro? Doppel-DVD in den Läden

>> Gesehen! Arch Enemy: (Erz)feindseliges Package in Köln, 17.02.04 bei POP FRONTAL

>> Tourinfo Doro bei POP FRONTAL

 

Raunchy @ Wacken Open Air

Raunchy

 

Cathedral @ Wacken Open Air

Cathedral

 

Arch Enemy @ Wacken Open Air

Arch Enemy

 

Mayhem @ Wacken Open Air

Mayhem

 

DIO @ Wacken Open Air

DIO

 

Eläkeläiset @ Wacken Open Air

Eläkeläiset

 

Doro @ Wacken Open Air

Doro

 

Amon Amarth @ Wacken Open Air

Amon Amarth

 

 

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