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Getroffen! Interview mit Greg Whelan (The Wrens) / Hamburg, 15.07.2006

"Wir sind wie eine Gang"

Text: Simone Deckner

Eine der atemberaubendsten Bands dieser Tage kommt nicht etwa aus einer Künstler-WG in London oder hat sich aus einem abgewrackten Kellerloch des allgegenwärtigen "Broken Social Scene-Umfelds" in Kanada ans Tageslicht gespielt. Eine der atemberaubendsten Bands dieser Tage kommt ausgerechnet aus dem verfluchten, verhöhnten US-Staat New Jersey. The Wrens haben lange gebraucht, um mit ihrem Laut/Leise-Indierock-Inferno gehört zu werden. Doch spätestens seit ihrem letzten Meisterwerk "The Meadowlands" kann man die Band um die Brüder Kevin (voc, bs) und Greg Whelan (git), Charles Bissell (voc, git) und Jerry MacDonnall (dr) nicht länger übersehen. POP FRONTAL Autorin Simone Deckner konnte sich bereits im März in Münster von den phänomenalen Live-Qualitäten der Band überzeugen (>> POP FRONTAL berichtete), vor dem nicht minder großartigen Auftritt im Hamburger Knust am 15. Juli traf sie sich mit Gitarrist Greg Whelan zum Interview.

Greg Whelan / The Wrens

Greg Whelan (The Wrens)


Seit Eurer Gründung 1989 habt ihr nur drei Alben veröffentlicht. Ihr habt euch im Streit von eurem Label getrennt und euch danach für fünf Jahre in einem Haus verbarrikadiert, in dem ihr an "The Meadowlands" gearbeitet habt. Das Album ist mittlerweile drei Jahre alt, aber erst jetzt kommen so langsam die Zuschauer zu euren Shows. Fühlt sich das nun an wie ein später Triumph?

Greg Whelan: Die Tatsache, dass die Leute unser letztes Album mochten, und wir in den Staaten jede Location ausverkaufen, in der wir spielen, ist großartig. Auch hier in Deutschland kommen jetzt immer mehr Leute zu unseren Shows. Aber selbst, wenn nur zehn Leute da wären heute Abend - es wäre ok. Für uns ist es einfach toll, in der Weltgeschichte herumzureisen und unsere Musik zu machen für Leute, die sie zu schätzen wissen. Das ist sehr befriedigend.


Was hat Euch angetrieben über all die Jahre?

Greg Whelan: Das war schon eine sehr bizarre Zeit, auch wenn wir uns irgendwann daran gewöhnt hatten, dass alles hart, schwierig und langwierig ist. Andererseits: Wir sind nun wirklich nicht die einzige Band der Welt, die Probleme mit ihrem Label hatte. Nachdem wir uns von Grass/Dutch East India getrennt hatten, mussten wir uns erst einmal wieder klar darüber werden, wohin es mit unserer Musik gehen soll. An "The Meadowlands" saßen wir fast fünf Jahre. Wir hatten dabei aber immer das Gefühl im Hinterkopf, dass wir dieses Album fertig machen würden. Für uns stand fest: Wir veröffentlichen es, und wenn niemand sich einen Scheiß darum kümmert, dann haben wir es wenigstens versucht. Das hat uns wohl am meisten angetrieben. Eines Tages haben wir uns schließlich entschlossen, den ganzen Businesskram und den Labelnerv zu vergessen. Wir haben uns gefragt: Warum sind wir The Wrens? Weil wir Spaß dran haben, zusammen Musik zu machen und Songs zu schreiben, und darauf haben wir uns konzentriert. Als wir an diesem Punkt angekommen waren, wo uns eigentlich alles egal war, wurde alles viel leichter. Die Songs hörten sich plötzlich auch besser an.


Gibt es das Haus in Secaucus, in dem ihr die Jahre während der Aufnahmen zu „The Meadowlands“ gelebt und gearbeitet habt, eigentlich noch?

Greg Whelan: Eigentlich sind das mehrere Häuser gewesen. Wir mussten dauernd umziehen. Wir begannen mit den Arbeiten am Album in Secaucus, das waren die sehr dunklen Tage, ann zogen wir in ein neues Haus um und bekamen ein neues Gefühl. Aber auch da konnten wir nicht lange bleiben,und so entschieden wir uns, zurück nach Secaucus zu gehen, und beendeten das Album dort. Aber dann verkaufte es der Typ, dem es gehörte. Ich wollte ohnehin mit meiner Frau zusammenziehen. Während wir also die Immobilienanzeigen studieren, fällt uns diese Annonce auf von einem Haus, das direkt gegenüber von unserem alten Bandhaus ist. Wir rufen Kevin an, der das Haus direkt kauft und mit Charles einzieht. Das ist jetzt das neue Bandhaus, während Jerry mit seiner Frau und seinen drei Kindern und meine Frau und ich unsere eigenen Häuser haben.


Wo haben sich Eure Wege das erste Mal gekreuzt?

Greg Whelan: Charles und ich sind zur gleichen High School gegangen, wir gehörten aber völlig unterschiedlichen Szenen an. Ich war der Sportler, während Charles schon damals in einer Band spielte. Kevin kannte unseren Drummer Jay, weil Kevin damals mit einem Mädchen ging, das beide kannten. Die ist wiederum heute die Frau von Jay. Das war alles sehr kompliziert. Kevin war dann im College, und wir machten zusammen ein Demotape, das wir an alle Clubs in New Jersey und New York schickten. Jemand bot uns daraufhin an, als Vorband für The Fixx zu eröffnen. Also mussten wir schnell einen richtigen Gitarristen besorgen. In unserer Heimatstadt gab es diese Partys, wo Leute zusammenkamen, die ein Instrument spielen konnten. Man jammte da einfach rum oder spielte Coversongs. Die Leute saßen da, hörten zu und tranken. Kevin sprach also Charles an und fragte ihn, ob er uns bei dieser einen Show aushelfen könnte. Und Charles sagte: "In Ordnung, das eine Mal." Und 18 Jahre später siehst Du ihn da hinten sitzen (lacht).


Wart ihr Euch nach all der Zeit nicht irgendwann einmal überdrüssig?

Greg Whelan: Man hört von all diesen Bands, die sich nach ein paar Jahren einfach nicht mehr ausstehen können, nicht mehr miteinander reden und all das. Natürlich streiten wir uns auch. Aber wir sind wie eine Gang. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir jetzt schon so lange unsere Musik machen, und damit etwas haben, was nur wir vier genau so teilen - was auch niemand anderes nachempfinden kann.


Anfang des Jahres hieß es, ihr plant ein neues Album für den Herbst. Ist dieser Zeitplan noch aktuell?

Greg Whelan: Ähem, wir halten uns ja nie an Zeitpläne (lacht). Obwohl wir es dieses Mal eigentlich hätten schaffen können. Wir waren eineinhalb Jahre lang in den Staaten auf Tour, dann kam das Album in England und Deutschland heraus, und plötzlich sollen wir überall spielen. Das Problem ist: Drei von uns haben ja noch ganz normale Jobs. Das heißt: Wir arbeiten die ganze Woche, springen ins Flugzeug und treten auf und gehen am Montag wieder zur Arbeit. Da muss sich der Zeitplan dementsprechend verschieben. Jetzt sieht es so aus, dass wir Ende des Jahres mit den Aufnahmen für das neue Album beginnen.


Das klassische Doppelleben des 9 to 5-Workers, der sich in der Nacht in einen Rockstar verwandelt...

Greg Whelan: Vielleicht können wir unsere Jobs ja nach der nächsten Platte an den Nagel hängen. Hoffentlich. Ich meine: Wie könnte man nicht? Es macht einen Heidenspaß. Diese Typen, die da von "harter Arbeit" schwafeln, ich bitte Dich! Es gibt Leute, die den ganzen Tag auf Baustellen ackern oder in gleißendem Sonnenlicht tiefe Löcher ausgraben -- DAS ist harte Arbeit. Musik machen für Menschen, die deine Musik mögen, das ist ein lächerlich einfacher Job.


Da ist euer Alter aber vielleicht auch ein Vorteil. Ihr macht euch nicht mehr so viel Stress...

Greg Whelan: Jedes Mal, wenn uns jemand nach einem Rat fragt, weil wir alte Knacker sind, sagen wir: Entspann Dich. Du musst nicht alles auf eine Karte setzen. Gerade jetzt, wo es durch das Internet so viele Möglichkeiten gibt, Hörer für Musik zu finden, ohne dass man einen fetten Plattenvertrag in der Tasche hat, da muss man nicht ausflippen.


Aber man muss auch erst mal an diesen Punkt kommen...

Greg Whelan: Ja, ich glaube allerdings auch, dass die meisten Bands, wenn sie an diesen Punkt kommen, entweder unsere Haltung einnehmen oder sich auflösen.


In den Songtexten habt ihr diese Zeit des Zweifelns auch direkt aufgenommen. Ein weiteres Thema waren Probleme mit Beziehungen. Worum geht es auf dem neuen Album?

Greg Whelan: Momentan ist es noch nicht wirklich klar. Es werden wahrscheinlich wieder einige dunkle Geschichten darauf sein. Vielleicht schauen wir auch ein wenig zurück und befassen uns mit der jetzigen Situation. Klar ist: Wir wollen nicht bloß ein „The Meadowlands II“ machen. Es wird ein Schritt auf ein neues Level sein, was immer das auch sein mag.


Schreibt ihr eigentlich alle die Texte?

Greg Whelan: Charles, Kevin und ich schreiben - und manchmal schreibt auch Jerry, und dann stellen wir sie uns gegenseitig vor. Wenn jemand etwas ganz Übles geschrieben hat, bekommt er sein Fett weg. Wir kritisieren uns schon sehr. Das geht immer so hin und her.


Kennst Du den Film „Lola rennt“ von Tom Tykwer?

Greg Whelan: Ich habe davon gehört, aber ihn nicht gesehen.


Tykwer arbeitet sehr viel mit Musik, er komponiert und spielt viele Stücke der Filmmusik selbst ein. Ein Großteil seiner Initial-Ideen ist von Musik inspiriert.

Greg Whelan: Das ist cool.


Viele Musiker sagen wiederum, dass sie von Filmen oder Büchern oder natürlich anderen Bands inspiriert werden. Wie funktioniert das bei Euch?

Greg Whelan: Irgendwie kommt von allem ein bisschen hinein. Nicht, dass wir eine politische Band sind, aber sogar solche Sachen, die wir um uns herum sehen, deine Erfahrungen spielen eine Rolle. Auf unserem letzten Album waren ja diese ganzen Beziehungsgeschichten (lacht). Das ist immer ein Garant für gute Texte.


Hast Du auch eines dieser kleinen, schwarzen Notizbücher, das Du immer mit Dir herumträgst?

Greg Whelan: Ja, wir alle haben diese kleinen Dinge. Ich trage immer eins in meiner Tasche mit mir herum. Ich glaube, jeder hat das. Wenn Du es nicht aufschreibst, wirst Du dich nie mehr daran erinnern.


Über die Wrens wird gerade ein Dokumentarfilm gedreht. War das Team auch bei den Deutschland-Gigs dabei?

Greg Whelan: Ja, sie begleiten uns seit dem Meadowlands-Release in den USA vor drei Jahren und haben alle US-Gigs verfolgt. Sie horten mittlerweile hunderttausend Stunden Material von uns und haben jeden interviewt, der irgendetwas mit uns zu tun hat: von meiner Mutter bis Conor Oberst, der ein sehr guter Freund von uns ist. Sie wollen den Film mit den Aufnahmen zum neuen Album enden lassen.


Soll der Film im TV/Kino laufen?

Greg Whelan: Sie werden es bei allen Independent-Festivals versuchen. Wir wünschen ihnen natürlich nur das Beste, weil sie wirklich großartige Arbeit leisten und so nette Typen sind. Aber wir denken eher: Wer will sich schon eine Doku über uns anschauen? (lacht).


Selbst, wenn es kein Kassenschlager wird. Ihr könntet euren Enkeln beweisen, dass ihr mal in einer Band wart...

Greg Whelan: Genau. Guck hin, Kind! Ich war auch mal cool! Ich war nicht immer dieser alte Typ, der nur noch in der Gegend herumsitzt.


Vielen Dank für das Gespräch!

 

Links:

>> Künstlerinfo The Wrens bei POP FRONTAL

>> Homepage The Wrens

>> Konzertbericht The Wrens, 31.03.2006 (Münster) bei POP FRONTAL

>> The Wrens: The Meadowlands - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

The Wrens

 

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The Wrens

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The Wrens: The Meadowlands

The Wrens: The Meadowlands

(BB Island / Soulfood)

 

Links:

>> Info The Wrens

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>> amazon.de

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