"Uneindeutigkeit kann produktiv sein – solange sie nicht zur Ausrede wird. Manchmal braucht es einen klaren Satz. Diese Spannung, diese doppelten Böden, das ist für mich die Essenz von Muff Potter", sagt Thorsten Nagelschmidt. Ein Referenzrahmen dafür ist der Begriff der Bipolarität: nicht als Pose, sondern als produktive Reibung. Dieses Ausloten von Ernst, Leichtigkeit und spielerischer Energie durchzieht "Klepto".
Der Albumtitel selbst ist zunächst eine phonetische Entscheidung: ""Klepto" klingt einfach gut." Doch mit der Zeit öffnen sich Bedeutungsebenen: Das Aufgreifen, das Aneignen, das Weiterverarbeiten von Referenzen wird zum zentralen Motiv. Wo hört Zitieren auf, wo beginnt das Klauen?
"Klepto" funktioniert dabei wie eine postmoderne Matroschka. In ihren Schichten finden sich Verweise auf das eigene Werk ebenso wie auf externe Stimmen: von James Baldwin und Joan Didion, von Erasure über Grauzone bis hin zur Dark-Jazz-Formation Bohren & der Club of Gore. Dabei vermeidet die Platte die Falle selbstreferentieller Fußnotenmusik. Die Referenzen sind keine Zitate um ihrer selbst willen, sondern Teil eines lebendigen Systems, das sich fortwährend weiterbewegt.
Aufgenommen wurde "Klepto" von Gregor Hennig im Studio Nord Bremen, einem für die Band geschichtsträchtigen Ort. Hier wurde bereits 1996 die erste Muff Potter LP gemastert. Auch "Bei aller Liebe" (2022), das erste Album nach ihrer Auflösung 2009 und der Rückkehr 2018, entstand im Studio Nord. "Klepto" erscheint auf dem bandeigenen Label Hucks Plattenkiste, das es fast so lange gibt wie die Band selbst, gemischt wurde das Album wie der Vorgänger von Joe Joaquin. Die Aufnahmen fanden in zwei Sessions im Mai und September 2025 statt, ein Großteil der Songs wurde gemeinsam und live in einem Raum eingespielt und später punktuell mit Overdubs ergänzt.
Denn auch wenn sich "Klepto" stilistisch weit öffnet, steht immer die Band im Zentrum. Neben Sänger und Gitarrist Thorsten Nagelschmidt sind das Bassist Dominic "Shredder" Laurenz, Schlagzeuger Thorsten "Brami" Brameier und Gitarrist Felix Gebhard. Gemeinsam bewegen sie sich durch unterschiedliche Soundräume: sphärische Passagen mit längeren Instrumentalteilen stehen neben hymnischen, an 90er-UK-Rave erinnernden Momenten mit verspielten Bassläufen und Percussions, danceartig-zerhackte Vocals treffen auf aggressive E-Gitarren, dazwischen gibt es immer wieder klare Pop-Momente mit zwölfsaitigen Akustikgitarren oder unerwartete rhythmische Verschiebungen wie einen programmierten Beat im 3/4-Takt. Trotz dieser Vielfalt bleibt alles bewusst ungeschliffen: Es klappert, klingelt, rasselt – und genau darin liegt die Lebendigkeit dieser Aufnahmen.
Gastbeiträge kommen unter anderem von Sofia Portanet an den Backingvocals sowie von Zappel, Bassist der Punkband Pisse, der auf einem Song das Theremin spielt. Und auf einem Stück ist – singend! – der Instrumentalmusiker Lambert zu hören, nachdem er bereits 2025 zusammen mit Thorsten Nagelschmidt das auf dessen gleichnamigen Roman basierende Album "Nur für Mitglieder" veröffentlicht hat.
"Klepto" ist ein Album, das sich der Gegenwart stellt, ohne sich ihr zu unterwerfen. Es spielt mit Formen, Bedeutungen und Erwartungen, ohne sich darin zu verlieren. Es ist ernst und leicht zugleich, zugänglich und vielschichtig, und es findet seine Stärke gerade in den Spannungen, die es nicht auflöst, sondern hörbar macht. (Text: Presseinfo)

