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Gesehen! 17. Wacken Open Air / 3.Tag: 05.08.2006

... dann wird eben im Auto weitergefeiert!

Text: Stephan Kunze      Live-Fotos: Stephan Kunze

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Der dritte Tag des Megaevents. Man fühlte sich schon richtig eingebürgert und mochte gar nicht so recht dran denken, dass man hier ein vergängliches Vergnügen erlebte. Einige lange Gesichter im Frühstückszelt zeugten davon, dass ihre Besitzer die Nacht nicht für würdig befunden hatten, schlafend verbracht zu werden. Was aber von Ausnahmen abgesehen die Vorfreude auf das kommende Tagesprogramm nur unwesentlich trüben konnte. Apropos Frühstück: bereits kurz nach Öffnung wurde der vielfache Wunsch nach dem begehrten Rührei bedauernd abgelehnt - das sei bereits ausverkauft. Gleichzeitig gingen Gerüchte, die Sanis wären dieses Jahr mit Unpässlichkeiten der Verdauungswege in epidemischem Ausmaß überlastet… Aber wer beim W:O:A Kohldampf schiebt, ist es wirklich selbst schuld.

Finntroll

Finntroll

Das Festivalwetter war noch zuträglicher als am Vortag. Ein frischerer Wind hatte die Schwüle und die drohenden Gewitterwolken vertrieben und gab den Blick auf fast grenzenloses Blau frei. Also stand zunächst eine weitere Sondierung des Geländes an, was in Wacken auch beim x-ten Mal nicht langweilig wird. Während schon die ersten Einpeitscher über die Bühnen hechelten, ging es vorbei an endlosen Food- und Non-Food-Ständen und an der beängstigenden Schlange vor der Meet And Greet Area. Die war noch erheblich länger war als die Schlange vor den Toilettenhäuschen, wo man den Selbstversuchen im lautesten Metal-Dixie der Welt lauschen konnte. Und wer ein Weilchen dem bunten Treiben abseits der Bühnen oder einigen besonders schrillen Selbstdarstellern zusah, konnte sich nur schwer wieder davon abwenden. Einfach herrlich! Trotzdem folgte man irgendwann wieder dem Lockruf der Bühnen.

Arch Enemy hatten irgendwelche Transport- oder technische Probleme und starteten mit deutlicher Verzögerung, was bei der angenehm straffen Organisation des Festivals eher ungewöhnlich ist. Umso frenetischer wurden sie empfangen und lieferten in leicht verkürztem Programm allerfeinstes Getöse ab. Das Stimmvolumen und die Energie der Ausnahmeshouterin Angela Gossow ist immer wieder faszinierend und allein schon eine Reise wert. Und so war der Hallo-Wach-Effekt deutlich ausgeprägter als bei den nachfolgenden Fear Factory, die von einer ziemlich großen Schar Neugieriger eher beobachtet als euphorisch gefeiert wurden. Der dargebotene Thrash wollte nicht so richtig zünden. Der harte Kern vor der Bühne ließ sich aber von intensivem Crowdsurfing nicht abhalten, so dass die Fänger an der Absperrung alle Hände voll zu tun hatten.

Auf der Party Stage war es Zeit für Orphaned Land aus Israel, die ungeachtet der aktuellen politischen Situation von einer eher kleinen, aber feinen Fanschar begeistert empfangen wurden – sogar mit Transparenten und israelischer Flagge. Und wieder einmal erwies sich die kleinste der Freilichtbühnen als lohnender Geheimtipp! Der sympathische Fünfer mischte den von orientalischen Harmonien durchzogenen Prog-Metal mit zahlreichen Death-lastigen Passagen zu einem mitreißenden, groovenden Cocktail. Große Klasse!

Nicht weniger edel ging es dann auf der Wet Stage im Zelt mit SuidAkrA aus dem fernen Sauerland weiter. Bereits zum vierten Mal auf den Brettern, die das W:O:A bedeuten, wurden die Mannen um Frontman Arkadius wenige Tage zuvor aus dem Studio abberufen, um für eine andere Band einzuspringen. Nach leicht verzögertem Start – das Zeltdach musste geöffnet werden, weil das Mischpult bei erneut ansteigenden Temperaturen an einem Hitzschlag laborierte – wussten die Folk-Deather aus dem Stand zu überzeugen. Professionell und mitreißend. Im Set wurden u.a. Appetizer zum gerade entstehenden neuen Silberling "Caledonia" serviert – ein Konzeptalbum zur schottischen Historie. Bleibt anzumerken, dass die Jungs dem Zelt eigentlich entwachsen sind und zukünftig auf einer der großen Bühnen kräftig abräumen könnten.

Wieder in freier Wildbahn, hieß es, sich zu Gamma Ray durchzukämpfen. Auch wenn von dem Gig keine großen Überraschungen zu erwarten waren. Hier machte es einfach mal wieder richtig Spaß, Melodic Metal zu hören. Die Jungs stechen immer noch aus dem Genre heraus, das leider in den letzten Jahren durch unzählige halbgare Möchtegernstars überstrapaziert wurde. Vor allem an Chefklampfer Kai Hansen bleibt das Ohr immer wieder hängen und ergötzt sich an seinem Gespür für Zaubermelodien und an seinen Fähigkeiten, sie wirkungsvoll umzusetzen.

 

 

Whitesnake seien nicht wirklich eine typische Wacken-Band, meinte der eine oder andere - und irrte gewaltig! Schon der furiose Einstieg mit "Burn" und einer ungewohnt heftigen Version von "Stormbringer" zeigte die Stars in Höchstform und bewies, dass die Bluesrocker jede Menge Metal im Blut haben. Vor allem Altmeister (im wahrsten Sinne des Wortes) David Coverdale fegte über die Bühne, als hätte er morgens noch ein randvolles Tässchen aus dem Jungbrunnen geschlürft. Die Setlist umfasste zumeist altes Whitesnake-Material und einige Reliquien von Deep Purple, versehen mit allen typischen Markenzeichen klassischen Hardrocks sowie endlosen Gitarrengewittern und dem unvermeidlichen Drumsolo. Schnulzen wurden zum Glück weitgehend ausgespart, die Vollgasorgie zählte sicherlich zu den besten Auftritten des diesjährigen W:O:A! An dieser Stelle fiel so manchem Metalhead ein weiterer Grund ein, nach Wacken zu fahren: nicht nur wegen der ganz harten Jungs, sondern auch, weil manche Bands, die man zwar gerne mag, die einem aber oft zu softig sind, hier nochmal eine fette Schippe nachlegen und das Gaspedal ins Bodenblech stanzen.

Dem Volke sei’s gekrischen, dass der dunkle Herrscher naht. Oder so ähnlich. Die mit Spannung erwartete Reunion von Emperor hatte die Bühne geentert und wurde vom Publikum mal andächtig lauschend, mal wild moshend gewürdigt. Mit minimalistischer Bühnenshow konzentrierten sich die Schwarzmetaller aufs Musikalische und lieferten eine Vollbedienung quer durch ihre Errungenschaften, die fast keine Wünsche offen ließ.

Wer jetzt von Motörhead große Überraschungen erwartet hatte, sollte mal seinen Psychiater befragen. Die Altstars servieren nun mal kein Filetsteak, sondern Frikadellen. Und zwar die guten. Und so lieferten Lemmy und seine Gespielen die solide und gewohnt gute Show ab, die immer wieder gern genommen wird und vom fast undurchdringlichen Auditorium entsprechend gewürdigt wurde. So reihte sich dann Zugabe an Zugabe, was bei den wartenden Fans der nachfolgenden Finntroll wachsende Verärgerung auslöste. Die Trolle, in diesem Jahr auch schon zum wiederholten Mal beim W:O:A, schlugen mit ihrer lustigen Melange aus Black und Death Metal, Humppa, Polka und was nicht sonst noch allem in eine ganz andere Kerbe und ließen den Groll schnell ausgelassenem Moshen weichen. Der mitreißende Gig ließ keinen Gedanken an die fortgeschrittene Uhrzeit aufkommen. Schließlich hatte man schon 15 Stunden Ohrmassage hinter sich.

Und dann schien der Wettergott zum Abschluss doch noch unwirsch zu werden: dichtes Schneegestöber vor der True Metal Stage! Das stellte sich dann aber nur als Untermalung von "Schneekönigin" heraus, mit der Subway To Sally den Schlussgig des Festivals einleuteten. Eine abwechslungsreiche Bühnenshow nicht ohne ein gerütteltes Maß an Pyrotechnik und eine feine Setlist quer durch die Bandgeschichte plus guter Sound…Nur die Anheizersprüche in Richtung Publikum hätten halt etwas mehr Tiefgang verdient gehabt. Trotzdem ein schöner Auftritt und würdiger Abschluss eines gelungenen Festivals.

Bleibt als Fazit: das W:O:A ist seinem Ruf als einem der (wenn nicht sogar dem) wichtigsten Metalfestivals auch im 17. Jahr gerecht geworden. Bestens organisiert, mit großer Bandbreite von totem, schwarzem oder melodischem Metal über Progressive, Hard- und Bluesrock bis hin zu Folk und ins tiefste Mittelalter – wobei die Aufzählung sicher nicht erschöpfend ist. Weniger sogenannte "Spaßbands" wie in den letzten Jahren z.B. Lotto King Karl oder der Rausschmeißer Onkel Tom, auf die ein Großteil der Metalfans sicher gerne verzichten. Ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm und vor allem: ein super Publikum, das im hohen Norden wieder einmal eine gleichermaßen friedliche und ausgelassene Party gefeiert hat.

Am nächsten Tag auf der Autobahn war die aufkommende Wehmut im ersten größeren Stau schnell verflogen, als man sah, dass die Party einfach weiterging…mit Gartenstühlen, Bier und vor allem PURE FUCKING METAL!

 

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Links:

>> Festival-Info Wacken Open Air 2006 (mit Künstlerinfos) bei POP FRONTAL

>> Homepage Wacken Open Air

>> Festivalbericht Wacken Open Air 2005 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Wacken Open Air 2004 bei POP FRONTAL

 

Arch Enemy

Arch Enemy

 

Fear Factory

Fear Factory

 

Orphaned Land

Orphaned Land

 

SuidAkrA

SuidAkrA

 

Gamma Ray

Gamma Ray

 

Whitesnake

Whitesnake

 

Emperor

Emperor

 

Motörhead

Motörhead

 

Finntroll

Finntroll

 

Subway To Sally

Subway To Sally

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